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Es war im Winter. Zumindest glaube ich das. Eigentlich war es ziemlich warm für einen Wintertag, aber in meiner Erinnerung tragen sie alle Mäntel und Mützen.

Vielleicht war es auch im Herbst, aber ich komme schon wieder vom Thema ab. Es war der Tag, an dem ich beschloss, die Stadt zu verlassen. Verbrannte Erde gab es zwar noch keine, die Luft wurde jedoch langsam dünn und mir blieb eigentlich keine Wahl.

Meine Flucht hatte ich am Wochenende davor säuberlich geplant. Wenn der Moment kommen sollte, hatte ich nur noch mein Konto aufzulösen und zwei größere Möbelstücke zu verkaufen. Viel mehr besaß ich nicht und die Kontoauflösung würde die lächerlichste Auflösung in der Geschichte der Stadtbank Bielefeld werden. Nichtsdestotrotz spazierte ich an diesem Tag in die frisch renovierten Räumlichkeiten der Hauptstelle in der Nähe vom Jahnplatz und setzte mich mit zwei Reisetaschen und einer Tüte voller Dokumente in den Wartebereich, auf die jemand den Bundesadler gedruckt hatte. Die Bahnhofsuhr über der großen Empfangshalle zeigte sechzehn Uhr an. Ich schwitzte. Aus Platzmangel hatte ich drei Lagen Kleidung übereinander angezogen und trug über meinem Wintermantel noch eine Packerweste. Es war mir zu müßig, mich aus den einzelnen Lagen zu pellen, also versuchte ich still zu sitzen und über die Atmung den Schweiß in den Griff zu kriegen.

Ich blickte in die Tüte mit den Dokumenten. Kontoauszüge, Überweisungsträger, Anschreiben – mein Reisepass drückte an einer Stelle durch das Plastik und bedrohte die Gesamtstatik. Ich zog ihn heraus und schaute mir das Foto an, das wohl mich zeigte. Mit vollem, kurzem Haar und Wangenknochen. Ich erinnerte mich an das Fotostudio, in dem ich das Bild hatte machen lassen, als ich hergezogen war und wie ich mir seither jeden Abend die Bilder im Schaufenster dort angesehen hatte auf dem Weg in meine Wohnung. Nackte Allerweltsgesichter in hellen Lichtkegeln.

Ich steckte den Pass in meine Brusttasche und schaute wieder auf die Uhr. Fünf Minuten waren vergangen. Um halb fünf würden sie den Laden schließen. Die arme Sau von Berater, die mich erwischen würde. Auf den Stühlen in meiner Nähe saßen noch sieben weitere Kunden. Ich hatte also noch etwas Zeit. Das mit dem Schweiß hatte ich langsam unter Kontrolle, zumindest was den Nachschub anging. Hoffentlich setzt sich niemand direkt neben mich, dachte ich, und legte meine Aktentüte auf den Stuhl rechts von mir. Ich musste an den Morgen denken. An das Frühstück mit Clara. An das kleine Geschenk, dass sie mir selbst eingepackt hatte. Es muss also doch Winter gewesen sein, Geschenke macht man nicht im Herbst. Es sei denn man hat im Herbst Geburtstag, aber meiner ist im Mai. Das Geschenk hatte Clara in zwei Lagen dunkelblaues Glanzpapier gewickelt gehabt. Mach es auf, sagte sie mit einer Kaffeetasse in der Hand, auf der ein Logo einer Kaffeesorte zu sehen war. Wir hatten uns etwa einen Monat nicht gesehen, seid sie bei mir ausgezogen war. Sie lächelte, als wäre als das nicht passiert. Doch ihr Lächeln funktionierte nicht mehr so wie früher. Ich konnte es abwehren. Vielleicht zum ersten Mal. Später, sagte ich und steckte das Geschenk in den Mantel, den ich über den freien Stuhl an unserem Tisch geworfen hatte. Man hörte das Papier knicken und ich drückte fest zu, als ich es in die Manteltasche stopfte. Ihr Lächeln blieb eisern, wie du willst, sagte sie.

Um uns herum saßen junge Menschen, die von all dem nichts wussten. So wie niemand, der jung ist, von etwas weis, das um ihn vorgeht. Sie tranken Orangensaft und Wasser aus Weingläsern und lösten sich in wichtigen Gesprächen auf. Was hast du geplant für die Feiertage, fragte Clara. Werd einen Freund besuchen, sagte ich. Würde ich aber nicht. So, sagte Clara und lächelte weiter. Werde wohl erst im neuen Jahr wieder hier sein, sagte ich. Clara lächelte und blickte zur Theke, wo ein junger Asiate an der Kaffeemaschine eingewiesen wurde. Es sah aus wie eine Führerscheinprüfung.

Clara kochte nie Kaffee. Clara konnte nicht kochen. Clara war vierundfünfzig. Ich konnte auch nicht kochen, aber ich bekam einen halbwegs akzeptablen Kaffee hin.

Stille an unserem Tisch. Clara rührte in ihrem Kaffee. Ich hörte den beiden Frauen am Nebentisch zu. Beste Freundinnen, die sich einmal im Jahr treffen und dann alle Gesprächsthemen nacheinander durchgehen, ohne müde zu werden. Mittlerweile waren sie zu Sekt übergegangen. Eigentlich hörte jede von ihnen nur sich selbst zu. Die eine von ihnen hörte mit aufgestütztem Kopf zu, wie die andere von ihrem Studium oder irgendeinem Kerl erzählte, und umgekehrt. Ich begann, die nervigere von beiden anzustarren. Sie war gerade die Empfängerin und und nickte angestrengt mit Ihrem Kinn in ihrer Handfläche. Sie nickte. Und brummte. Hmmhhh. Und nickte. Mmmmhmmm. Mir stellten sich die Nackenhaare hoch. Also bitte, stotterte Clara, die meinen Blick bemerkt hatte. Aber ich starrte weiter das Mädchen an. Sie nahm mich überhaupt nicht wahr, nichts konnte sie von ihrem Gespräch ablenken. Hörrr auf!, sagte Clara, mit leiser aber strenger Stimme und dann blickte das Mädchen doch in meine Richtung und unsere Blicke trafen sich.

Sie wurde verlegen und nahm den Kopf aus ihrer Hand und versuchte, mich zu ignorieren und selbst mit dem Gespräch weiter zu machen und ich hörte nicht auf sie anzustarren und es wurde ihr sichtlich unangenehm und ihre Freundin merkte, was mit ihr nicht stimmte und ihre Freundin starrte widerum mich an und blaffte mit Kaffeemund, was willst du Alter, und ich hörte nicht auf zu starren und Clara versuchte mit ihrer Hand mein Gesicht abzuwenden und redete auf die Mädchen ein, immer noch mit ruhiger Stimme, dass ich eine schwere Zeit hätte und dass ich etwas durcheinander wäre, und das zweite Mädchen blickte mich abfällig an und sagte zu Clara, sie solle besser auf mich aufpassen, jemand anderes könnte das falsch verstehen, ja, sagte Clara, Entschuldigung, sagte Clara, und ich blickte weiter in das Gesicht des Mädchens und plötzlich kam der junge Asiate, der jetzt einen Block in der Hand hielt statt der Eingeweide der Kaffeemaschine, alles in Ordnung hier, fragte der Asiate, alles bestens, sagte ich so psychopathisch wie es meine Vorstellung zu ließ, und ein Mann vom Nebentisch, der das Ganze verfolgt hatte, stand auf und baute sich vor mir auf, alles ok hier, fragte er, ja, nichts was dich angehen würde, sagte ich, immer noch in meiner wahnsinnigen Tonlage, und der Typ packte mich am Arm und der Asiate lief in die Küche und der Typ drückte seine langen Pranken in meinen Oberarm und dann stand ich selbst auf und blickte dem Typen ins Gesicht, der rechtschaffene Typ, der noch nie einen Schlag eingesteckt hatte in seinem Leben, und die Mädchen nahmen ihre Handtaschen und ihre Mäntel und gingen zur Theke rüber, Clara legte ihr Gesicht in die Handflächen und ich bekam nichts mehr von ihr mit und dann kam der Koch aus dem hinteren Teil des Cafés und baute sich auch neben mir auf und packte meinen anderen Arm und wirkte souverän und redete souverän, alles in Ordnung, sagte der Koch, seine Schürze war blütenweiß, sie werden dieses Café jetzt verlassen, sagte der Koch, wir wollen keinen Ärger, sagte der Typ, keinen Ärger, sagte der Koch und dann ließ ich sie machen und sie schleppten mich auf den Gehweg, vorbei an den rechtschaffenen jungen Gesichtern eines Samstag Morgens in der Provinz und sie holten meinen Mantel und warfen ihn vor mir auf die Straße und ich hörte, wie Claras Geschenk in der Manteltasche auf dem Beton aufschlug und sah in das Café und sah wie Clara ihren Kram packte und den anderen Ausgang nahm und das war das letzte Mal, dass ich Clara gesehen habe.

In den letzten Wochen habe ich zwischendurch immer wieder die Tagebücher von Paul Nizon und Georges Simenon gelesen. Man staunt, wie viel sie von ihren Tagen zu erzählen haben, auch wenn manchmal eigentlich gar nicht viel in ihrem Leben passiert. Das kann ich gerade nicht von mir behaupten. Es passiert jede Woche so viel, dass ich gar nicht mehr mitkomme und meine eigenen Tagebücher völlig vernachlässige. Allein in der letzten Woche waren es neben meinem Hauptjob noch vier geniale Foto-Shootings in Soest, Wuppertal und Paderborn.

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Am Montag machte das Shooting mit Nina (aus Soest), Jenny und Lisa den Anfang. Wir bastelten aus einem alten Friseursalon ein kleines Studio und haben den Morgen zwischen Haarspraydosen und Spiegeln verbracht.

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Gleich im Anschluss hatte ich ein tolles Shooting in meiner Lieblings-Pizzeria in meinem Viertel. Wir hatten schon lange darüber gesprochen, schöne Fotos von der Inhaberfamilie zu machen und dann auch endlich einen Termin gefunden. In den nächsten Wochen werde ich ihnen auch noch eine kleine Webseite machen. Einfach sehr herzliche Menschen, in deren Gesellschaft man gerne ist.

funky-3Am Mittwoch habe ich dann einen beruflichen Termin mit eine spontanen Shooting im Künstlerviertel von Wuppertal verbunden. Mit Svenja bin ich auf Lichtsuche in den Hinterhöfen gegangen und manchmal haben wir auch welches gefunden.

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Am Freitag waren dann Nina (aus Paderborn) und Evelyn bei mir im Studio. Mit Nina hatte ich ja bereits vor zwei Wochen Fotos gemacht, für Evelyn war es allerdings das allererste Shooting überhaupt.

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Nichtsdestotrotz haben wir viele schöne Bilder hinbekommen und den Beiden hat es sehr gut gefallen, behaupten sie zumindest. 😉

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Im April werden ein paar Aufnahmen von meinem Shooting mit der Soester Nina im Like a Lion Magazin erscheinen, darauf bin ich sehr gespannt. Obwohl ich bestimmt schon 400 bis 500 Fotos veröffentlicht habe, ist es doch etwas anderes, wenn es um meine Portrait-Fotografie geht. Ich bin gespannt, was die nächsten Wochen so bringen, viele Shootings stehen an und vielleicht habe ich ja wirklich zu meinem Geburtstag am 8. Mai genügend Gesichter zusammen und eine eigene kleine Mappe zu machen. Das hatte ich mir an Neujahr vorgenommen und bis jetzt sieht es wirklich sehr gut aus. Vielen Dank Ihr ganzen neuen Bekanntschaften und Menschen in meinem Leben! Ich versuche jeden Tag mit Euch zu genießen, und muss mich an ein Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme erinnern:

„Zeit ist etwas Kostbares und die Jahre bringen einem viel bei, wovon die Tage nichts ahnen.“

Weldon Parish, Shadows in the Sun