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Eine Jury um Adolfo Bioy Casares verlieh Pedro Mairal als eine der originellsten Stimmen der lateinamerikanischen Literatur den Premio Clarín. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschien zuletzt der Roman Eine Nacht mit Sabrina Love (2002), der auch verfilmt wurde. Im Interview mit mir spricht er über seine literarischen Anfänge, eine neue Generation von Schriftstellern und ungewöhnliche Recherchemethoden für seine Romane.

Wilde Leser: Es sind acht Jahre vergangen, seit der Knaur Verlag die Übersetzung deines ersten Romans „Eine Nacht mit Sabrina Love“ für die deutschen Leser zugängig gemacht hat. Erst im August erscheint eine zweite Übersetzung im Hanser Verlag. Vielleicht rufst du dich den Lesern erst noch einmal ins Gedächtnis und erzählst ein wenig von deinen Anfängen, deinen Vorbildern, deinen Schreibritualen!

Pedro Mairal: Als ich damals von der Uni abging, habe ich mich nicht getraut es meinen Eltern zu erzählen (Ich war 18 und dachte, ich wolle Arzt werden), also tat ich jeden Morgen so, als ginge ich zu meinen Kursen, verbrachte den Morgen jedoch in der Cafeteria. Ich las viel und begann mein eigenes Zeug zu schreiben. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich eine Geschichte „anders“ las, ich begann Kurzgeschichten zu lesen wie ein kleines Kind, das ein Spielzeug auseinandernimmt, um zu sehen wie es gemacht wurde. Ich las Cortázar, Borges, Salinger und versuchte ihre versteckten Tricks zu finden. Zuvor war ich eigentlich mehr ein Leser von Gedichten. So kommen meine anderen Einflüsse von Dichtern wie Neruda, Vallejo, Dylan Thomas.

Über meine Schreibgewohnheiten: Am Anfang konnte ich noch Gedichte auf kleinen Notizblöcken im Bus schreiben, doch dann brauchte ich einen Computer und meine Ruhe, um Prosa zu schreiben. Jetzt brauche ich Deadlines, um meine Arbeit abzuliefern: Kolumnen für Zeitungen, Artikel, Kurzgeschichten für Magazine, Skripte… ich schreibe nur noch, wenn ich kurz davor bin, einen meiner zahlreichen Jobs zu verlieren. (mehr …)

„Auch im Raum erstrecken wir uns weit über das hinaus, was sichtbar ist. Wir lassen etwas zurück, wenn wir einen Ort verlassen, wir bleiben dort, obgleich wir wegfahren. Und es gibt Dinge an uns, die wir nur dadurch wieder finden können, das wir dorthin zurückkehren. Wir fahren an uns heran, reisen zu uns selbst, wenn uns das monotone Klopfen der Räder einem Ort entgegenträgt, wo wir eine Wegstrecke unseres Lebens zurückgelegt haben, wie kurz sie auch gewesen sein mag.

Wenn wir den Fuß zum zweiten Mal auf dem Bahnsteig des fremden Bahnhofs setzen, die Stimmen aus dem Lautsprecher hören, die unverwechselbaren Gerüche riechen, so sind wir nicht nur aus dem fernen Ort angekommen, sondern auch in der Ferne des eigenen Inneren, in einem vielleicht ganz entlegenen Winkel unserer selbst, der, wenn wir anders – wo sind, ganz im Dunkeln liegt und in der Unsichtbarkeit. Warum sonst sollten wir so aufgeregt sein, so außer uns selbst, wenn der Schaffner den Namen des Ortes ausruft, wenn wir das Quietschen der Bremsen hören, und von außen dem plötzlich einsetzenden Schatten der Bahnhofshalle verschluckt werden? Warum sonst sollte es ein magischer Moment, ein Augenblick von geräuschloser Dynamik sein, wenn der Zug mit einem letzten Rucken zum vollständigen Stillstand kommt?

Es ist, weil wir von den ersten Schritten an, die wir auf dem fremden und auch nicht mehr fremden Perron tun, ein Leben wieder aufnehmen, das wir unterbrochen und verlassen haben, als wir damals das erste Rucken des anfahrenden Zuges spürten. Was könnte aufregender sein, als ein unterbrochenes Leben mit all seinen Versprechungen wiederaufzunehmen? Warum bedauern wir Leute die nicht reisen können? Weil sie sich, indem sie sich äußerlich nicht ausbreiten können, auch innerlich nicht auszudehnen vermögen, sie können sich nicht vervielfältigen, und so ist ihnen die Möglichkeit genommen, weitläufige Ausflüge in sich selbst zu unternehmen und zu entdecken, wer und was anderes sie auch hätten werden können.“

– Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon