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Mein Bodyguard Ray hatte, wie an den Tagen zuvor, die Dauer einer Zigarette damit verbracht, der Rezeptionistin zwei Tassen Kaffee vom Buffet abzuschwatzen.

Ich wurde wach, als ich ihn auf dem Flur wanken hörte und machte mir Sorgen um das Porzellan. Er balancierte die beiden Tassen ins Zimmer und man konnte nicht mehr erkennen, ob man aus der Tasse oder aus der Untertasse trinken sollte. Beides funktionierte ohne Probleme. Irgendwas hatte mir am Vortag den Magen verätzt, ich wusste nicht, ob es der Rum oder das zähe Fleisch gewesen sein mochte. Also warf ich mir zwei Magentabletten ein und spülte sie mit dem kalten Kaffee von der Untertasse runter. „Wann wollen wir los?“, fragte Ray. „Gib mir zehn Minuten“, sagte ich und begann mich anzuziehen. Obwohl wir diesen Tag seit fünf Jahren herbeisehnten, hatten wir keinerlei Vorbereitungen getroffen, außer eine teure Flasche Rum zu kaufen. Ich steckte die Flasche in den Rucksack und packte meine Kamera dazu. Dann versuchten wir ein wenig Ordnung für die Putzfrau zu schaffen und versteckten den restlichen Alkohol für den Abend im Wandschrank.

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Look, it’s the Band! – Der Engländer rüttelte seine Freunde am Kragen und schob ihre geschwollenen Köpfe in unsere Richtung.

Die Band, das waren wir: Ich, mein Bodyguard Ray, unser Lead Tim, den Gitarrenkasten geschultert, sein Fotograf Speedy, die Kameratasche geschultert, und unser slawischer Booker Zwady, der seinen Booker-Hut schief trug. Die Bude war vollgestopft mit Engländern, die den zwei einzigen Frauen im Laden abwechselnd an der Karaoke-Maschine einheizten. Der Schweiß lief die Wände runter und tropfte von der Decke. „Das ist mein Laden.“ Tim grinste, stellte seine Gitarre auf den nassen Boden und zog sich die Jacke aus.

Doch ich muss früher anfangen. Viel früher. Ein ganzes Jahr früher, oder zwei. Und gleich etwas klar stellen: Für mich gibt es nur ein einziges Kriterium, das ein Schriftsteller erfüllen muss, um in meinen Kanon der ganz Großen aufgenommen zu werden: Nach der letzten Seite eines Buches muss ich das unbedingte Bedürfnis verspüren, mit dem Autor einen heben zu gehen. Da gibt es dann noch einige Abstufungen: Autoren, mit denen man ein paar Gläser nehmen möchte, die, mit denen man einen guten Abend verbringen will und die Königskategorie, die, mit denen man abstürzen will, hart, ein Verbrüderungsbesäufnis Dylan Thomas‘schen Ausmaßes. Aber im Grunde stelle ich keine weiteren Anforderungen an ein Buch. Und selbst das kriegen nur wenige Autoren hin. Bukowski, Thompson, Hemingway, klar, Amis, Bolaño, Nizon, gut, heute vielleicht noch Marc Fischer, Glavinic, Politycki, aber dann wird es schwach, dünn bestenfalls, wenn man die raus streicht, die sich das ganze schon durch die dicke Erdschicht mit angucken müssen. (mehr …)

Locke schlägt an, sobald man am Fenster des blauen VW-Busses vorbei läuft. Wenn man zuvor Oliver Lücks Neues vom Nachbarn: 26 Länder, 26 Menschen gelesen hat, weiß man aber: Locke bellt, das liegt ihr als Hofhund (Hovavart) im Blut, nur aus Prinzip.

20 Monate war Journalist Lück mit seiner Hündin Locke in Europa unterwegs. Als sie losfuhren war sie noch ein Welpe, doch „mit der Zeit wurde Locke immer größer und der Bus immer kleiner“. Später diente Locke mehr und mehr als Wachhund und Gesprächspartner für Lück, der für seine Kolumne bei Spiegel Online auf der Suche nach Geschichten war, Geschichten aus Europa, Geschichten von und über Menschen aus verschiedensten Ländern. „Zu Anfang bin ich einfach losgefahren“ sagt Lück, „und habe geguckt, wen ich treffe. Damals hatte ich auch noch meine Kolumne ‚Lück und Locke‘, ich wollte zwei Texte pro Monat liefern. Ich war also auf der Suche, was ja auch den eigentlichen Grund ausmacht, weshalb man sich auf so eine Reise begibt. Man möchte neue Sachen kennen lernen, fremde Länder und Regionen. Aber im Endeffekt läuft es doch immer wieder auf die Menschen hinaus, die man trifft. So ist es immer gewesen. So verbindet man spezielle Orte immer auch mit bestimmten Menschen, die diesen Ort für einen ausmachen.“ (mehr …)

Man sieht sie mit versehrtem Gesicht zwischen Tränengasdosen. Hinter ihr knien Protestanten in schwarzen Kapuzenpullovern auf dem Asphalt und bilden einen Kreis um das Friedenszeichen, das sie mit den Dosenkappen auf der Straße aufgestellt hat. Ihre zarten Züge tragen Entschlossenheit und Wucht in sich, eine Wucht, die seit Jahren kein vermummter Redelsführer mehr zu entwickeln im Stande war, in einem Land in dem die Reichen und die Armen so weit auseinander liegen, wie nur in wenigen Ländern dieser Welt. (zuerst gepostet im November 2012)

Auf dem nächsten Bild sieht man sie mit weichen Lippen in Melancholie, einen lila Schirm über ihrem schwarzen Haar aufgespannt. Ihr Blick wie aus einer französischen Tragikomödie. (mehr …)