Archive for ‘Januar, 2012’

Venturi, Kapitel 1 (Auszug, Rohfassung)

Im sterilen Licht der Neonröhren sah Engler mich verwundert an. »Du hast aber auch schon bessere Tage gesehen!« Er war in der hinteren Ecke angekommen, wo er einen kleinen Packtisch und einen wackeligen Plastikstuhl aufgestellt hatte. Daneben stand ein Stapel von sieben abgenutzten Ananas-Kisten, randvoll mit der Hinterlassenschaft des fremden Lehrers oder Professors. Über dem Tisch ragte eine schirmlose Wandlampe in den Raum, die er mit einem Zug an einer dreckigen Strippe zum leuchten brachte. »Lass dir Zeit. Ich setz gleich Kaffee auf, wenn du was willst, spül dir ‘ne Tasse ab!« Engler schlurfte durch die Gänge zurück zur Tür und schaltete die großen Lichter aus, so dass die kleine Ecke mit dem von der schwachen Glühbirne beleuchteten Packtisch von tiefem Schwarz umschlossen wurde. Dann verschwand er wieder im Vorraum, wo er in seinem Büro verfolgte, ob jemand etwas in seinem Amazon-Shop kaufte, dabei wässrigen Kaffee trank und dicke Mettwürste kaute.

Die wiedergewonnene Einsamkeit legte ihren dumpfen Schleier um meine Brust. Das Licht der Glühbirne hatte mich so geblendet, dass ich Engler beim Rausgehen in eine rot und violet wabernden Wolke hatte eintauchen sehen. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Lichtverhältnisse, während ich meinen Rucksack an die Wand lehnte, ein Notizbuch aus der Seitentasche zog und es auf den kleinen Packtisch warf. Als ich mit meinen Händen die Abdeckung der obersten Kiste umfasste, fiel mein Blick auf meine dreckigen Fingernägel. Ich ließ sofort von dem Karton ab und musterte meine Handflächen. Meine Kopf-, Herz- und Lebenslinien waren zu schwarz eingezeichneten Grenzen auf der Karte meiner zurückliegenden Reise geworden. Ich tastete mich in der Dunkelheit zu einem Waschbecken, wo ich mir mit Industrieseife die Hände einrieb, dabei ließ ich das Wasser laufen und genoss die kleinen Sandsteine auf der tauben Haut. Vor dem Scheunentor fuhr ein schwerer Lastwagen an der Hofeinfahrt vorüber. Man hörte Engler im Nebenraum aufgeregt telefonieren, immer wieder unterbrochen von eruptionsartigen Lachern, die im selben Moment wieder erstickten.

Ich blickte zu dem Stapel Bücherkisten. Neue Bücher waren eigentlich das Letzte, was ich gerade gebrauchen konnte. Nachdem ich die Hände an meinem Hemd abgetrocknet hatte, hob ich trotzdem die erste Kiste auf den Tisch und nahm den Deckel ab. Ich spürte, wie sich mein Gesicht zu so etwas wie Heiterkeit verzog, als ich das oberste Buch mit einer Hand befühlte. Es war “The Sun Also Rises” von Ernest Hemingway in der britischen Edition unter dem Titel “Fiesta”. Ich erinnerte mich an die ersten Seiten des Romans, an die Zeit in der ich es gelesen hatte, nachdem ich zuvor auf einem der Märkte bei Engler “A Moveable Feast” erstanden und an einem Abend durchgelesen hatte. Meine Hemingway-Phase lag Jahre zurück und trotzdem erfüllte mich der Gedanke an diesen Abschnitt meines Lebens mit wohltuender Wehmut. Man merkte dem Buch an, dass es mehrmals gelesen worden war. Die Kanten des Taschenbuchs aus dem Jahr 1967 waren weißgrau aufgebrochen, der Schnitt mehr als vergilbt und der Buchrücken wies fast so viele Knicke wie das Buch Seiten auf. Ich blätterte zum Schmutztitel. An der oberen Kante hatte jemand etwas mit blauer Tinte eingetragen. “K.H. Mehring”, stand dort,

“Tropea, Süditalien, 1969.”

Ich freute mich über diesen Eintrag aus einer vergangenen Zeit und einem vergangenen Leben. Bücher, die nicht nur eine Geschichte erzählten, sondern auch eine hatten, waren mir schon immer lieber, als die druckfrischen Ausgaben, die es in Buchhandlungen zu kaufen gibt, die man womöglich noch aus Ihrer Plastikfolie befreien muss. Ich hatte hunderte solcher Bücher in meiner Wohnung liegen, die noch genau so aussahen, wie an dem Tag, als ich sie gekauft hatte. Die abgegriffenen, etwas müffig riechenden Schmöker, die ich aus Englers Kisten fischen konnte, waren mir lieber.

Lesen war für mich ein Handwerk, das den Handwerker nach getaner Arbeit mit stolz erfüllen sollte. Das Buch, meine Augen, die Fähigkeit zu lesen, all das waren Werkzeuge, mit denen ich geistige Landschaften in meinem Kopf entstehen ließ. Das Werkzeug soll dann auch ruhig aussehen, als wenn es gewissenhaft benutzt wurde. Und Dinge an denen sich schon jemand anders versucht hatte, reizten mich besonders. Ich legte den Hemingway zu meinem Notizbuch und krempelte mir die Ärmel hoch. Auch die nächsten Bücher waren mir nur allzu bekannt. Großteils amerikanische Autoren aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Fitzgerald, Faulkner, Hemingway, Steinbeck, Miller, die üblichen Unverdächtigen. Aber auch Sinclair Lewis, Ezra Pound und Sherwood Anderson waren darunter. Ich schaute in jedem Buch nach den handschriftlichen Eintragungen auf dem Schmutztitel, die in keiner Ausgabe fehlten. Im Gegenteil, in manchen Büchern waren neben Ort und Jahr auch noch einige Notizen zu finden, die sich manchmal bis zum Seitenende ausdehnten. Als ich am Boden des ersten Kartons angelangt war, hatte ich drei Bücher zur Seite gelegt, neben Hemingway noch “This Side Of Paradise” von Fitzgerald und “Selected Poetry” von Pound, die beide einen langen, in hastiger Schrift verfassten Eintrag auf der ersten Seite aufwiesen, den ich später lesen wollte.

Doch was viel verwunderlicher war als diese Eintragungen, war die Tatsache, dass ich jedes einzelne der 27 Bücher aus dem ersten Karton bereits kannte und sogar gelesen, ja auch noch jedes der 27 Exemplare selbst in meinem Bücherschrank stehen hatte. Diese Überschneidung der Lesegewohnheiten machte mich gespannt auf die nächsten Obstkisten. Die durchgesehene odnete ich derweil wieder ein wenig, verschloss sie und stellte sie auf den Boden, wo ich sie mit dem Fuß an die Wand neben meinen Rucksack schob. Ich befühlte Buch um Buch, Kiste um Kiste, und plötzlich war er wieder da, für einen kurzen Moment befand ich mich in einem Rausch, dem Erhofften nicht unähnlichen, aber mit zunehmendem Unbehagen behafteten Rausch. Nach jedem Buch, jeder Kiste wurde ich langsamer und erlangte schon vor dem letzten Karton die Gewissheit, dass hier jemand ein übles Spiel mit mir zu treiben schien. Ich wollte umgehend zu Engler rennen, der sich ohne Zweifel einen dunklen Spaß mit mir erlaubt hatte.

Leave a comment

Falltür aus der Realität

Es ist der fette Junge, der dich vom unteren Ende der Wippe angrinst. Mit schimmeligen Lachsalven dirigiert er die hilflosen Schwünge deiner Beine im Nichts. Er ist der Rausch, der dich aus der Wirklichkeit hebelt. Das Rauschen, das sich über alles legt, dich im grauen Rhythmus der Wiederholung von einem Halbmond zum nächsten wiegt.

Doch irgendwann gerätst du aus dem Takt. Deine Welt beginnt zu springen, Endlosschleifen in der Nacht. Dann wünschst du dir diesen Jungen zurück, diese Falltür aus der Realität, und merkst, dass er für immer fort und die Suche vergeblich ist.

Leave a comment

Der Hutmacher ist weg

Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich jeden Morgen mit dem Bus durch die Paderborner Innenstadt. Dabei beobachte ich gerne, wie all die Unterschiedlichen Menschen zu ihren Arbeitsstellen laufen, Läden aufschließen, Schürzen anlegen und Schaufenster ausstatten. Während meines Studiums hatte ich viele Jobs, einige davon auch im Einzelhandel, deshalb ist mir dieser Menschenschlag sehr nah. Denn Verkäufer werden, das ist vielleicht von den Voraussetzungen her nicht schwer. Doch gute Verkäufer entwickeln sich im Laufe der Jahre und über viele Kundensituationen hinweg, bis sie, wenn sie gut sind, eine gewisse Selbstverständlichkeit und Autorität gewinnen, die es mir als Käufer unmöglich macht, mich in einem Geschäft nicht wohlzufühlen. Als ich damals Klamotten verkaufte, habe ich mich selbst als klassischen Schneider interpretiert. Der Mann des Vertrauens in einem Herrengeschäft, bei dem man sich in gute Hände begibt. Mal abgesehen davon, dass sich das natürlich in meinem Umsatz niedergeschlagen hat, konnte ich auf diese Weise viele Menschen kennenlernen, zu denen ich noch heute ein Freundschaftliches Verhältnis pflege. Wenn man etwas von seiner Sache versteht, wird einem auch Respekt entgegengebracht und dieser Respekt vor einem guten Einzelhändler war jeden Tag meine Motivation.

Tür um Tür schließt sich

Wenn ich nun morgens durch das Busfenster die Ladenstraße betrachte, überkommt mich ein zwiespältiges Gefühl des Wandels. Geschäft um Geschäft wird durch die Filiale einer Kette ausgetauscht, die inhabergeführten Buchläden kämpfen um jeden Kunden und versuchen den großen Buchhandlungen notgedrungen nachzueifern, was ihnen teilweise den Charme nimmt. Und das Ganze wird in den nächsten Jahren noch schlimmer werden. Ich befeuere das nebenbei selbst, indem ich immer mehr Bücher bei Amazon kaufe, regelmäßig große Ketten frequentiere. Doch heute musste ich heftiger Schlucken als in den vergangenen Jahren. Es gab ein Geschäft, das mir besonders am Herzen lag, das ich mehrmals im Jahr einfach so besuchte, auch wenn ich nie etwas gekauft habe: Es gibt am Rathausplatz ein kleines Geschäft, das Hüte verkauft. Jegliche Art von Kopfbedeckung, vom Schweißband bis zum Zylinder, vom Baseball-Cap bis zur Ignatius Reilly Gedächtnismütze. Der Inhaber, ein älterer aber nicht alter Herr, ist jeden Morgen, wenn ich mit dem Bus an dem Geschäft vorbei fahre, damit beschäftgt, große Ständer mit Baskenmützen und Jägerhüten unter die Marquise vor seinem Schaufenster zu platzieren.

Da ist jemand, den man fragen kann

Doch auf diesen Anblick werde ich in den nächsten Jahren verzichten müssen. Vor dem Schaufenster sah ich heute morgen ein großes Banner mit dem Hinweis auf die Ladenschließung. Der gesamte Bestand inklusive der Einrichtungsgegenstände steht zum Verkauf. Zum Spottpreis. Es ist nicht so, dass ich jemals einen Hut brauchen werde. Aber es war immer beruhigend und irgendwie schrullig zu wissen, “da ist jemand, den man fragen kann, sollte ich jemals einen Hut brauchen”. Diese Gewissheit ist nun verschwunden und wird ersetzt durch einen 1€-Laden oder eine Douglas-Filiale. Es gibt immer weniger zu gucken in den Innenstädten.

Leave a comment