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Mein Leben hat sich in den letzten zwei Jahren grundlegend verändert. Der Versuch, die Kunst Stück für Stück, Fotografie für Fotografie und Text für Text wieder in mein Leben zu ziehen nahm meine gesamte Zeit in Anspruch. Gelungen ist das Ganze zumindest so weit, dass ich mich in meiner aktuellen Situation zum ersten Mal seit sehr langer Zeit und vielleicht zum ersten Mal überhaupt wirklich glücklich und einig mit meinem Lebensentwurf fühle. Nach und nach konnte ich die meisten „was wenn“ und „hätte ich doch“, die ich in meinen Zwanzigern angesammelt habe, in einige sehr gute, einige sehr schlechte und einige sehr merkwürdige Erfahrungen umwandeln. Für mich fühlt sich das wie Erfolg an. Nicht mehr Treibgut zu sein in dieser Welt, sondern aktiv Wege zu gehen, die manchmal zum Ziel führen, ganz oft aber auch nicht.

Also wie definiere ich für mich Erfolg? Ich kann von meiner Fotografie nicht leben. Das Vorweg. In den sozialen Medien entsteht immer ein Bild, das mit der Realität sehr wenig zu tun hat. Oft treffe ich Menschen, die einfach und ganz natürlich davon ausgehen, dass ich zu 100 Prozent von meiner Fotografie lebe. Sie vertauschen eine gewisse Bekanntheit in der Szene mit dem realen (wirtschaftlichen) Erfolg eines Fotografen. Dass ich noch nicht ganz davon leben kann hat mehrere Gründe. Über die mache ich mir gerade jedoch nicht wirklich Gedanken. Denn seit April bestreite ich zumindest schon mal die Hälfte meines ausschweifenden Lebensstils mit dem Schreiben und der Fotografie. Einige Magazine, einige Brands, einige private Kunden, einige Hochzeiten. Es kommt einigermaßen hin. Und zwar so, dass ich nun an 4 von 7 Tagen der Woche selbst entscheiden kann, was ich tun möchte oder eben nicht. Meinen Hauptberuf übe ich jetzt nur noch halbtags aus. Die letzten 10 Jahre habe ich Vollzeit als Projektleiter in der Bildungsbranche gearbeitet. Diese dazugewonnene Freiheit ist für mich immer noch jede Woche etwas Besonderes! Dass ich gerade an einem Montag Morgen vor einem Café in der Sonne sitze und bei einem langsam kalt werdenden Kaffee einen Beitrag für meinen Blog schreibe. Definiere Glück! Für mich ist das großes Glück. Und ich bin sehr dankbar, dass mir meine „Kunst“ dieses Glück ermöglicht. Davon habe ich geträumt, jahrelang.

Eine Begleiterscheinung der wiedergewonnenen Zeit ist, dass ich wieder sehr viel schreibe. Und lese. Und die alte Liebe zur Literatur wieder entfacht ist. Ich springe in den Kunstformen je nach Tagesform und aktuellen Interessen. Per Zufall. Nach meinem Shooting mit Hannah vor einer Woche bin ich wieder knietief in den Gedichten von Mascha Kaléko versunken. Zuvor hatte June die Tagebücher der Anaïs Nin für sich entdeckt und ich konnte nicht umher, mit ihr und Anais und Henry Miller ein paar Wochen durch die dreckigen Straßen von Paris zu schlendern. Dann plötzlich ein Nachmittag, an dem mir wieder mein Bildband von Saul Leiter in die Hände fällt und ich mich über Tage in seiner Poesie verliere. So war es immer schon in meinem Leben. Alles ist miteinander verbunden und ich schlittere ansatzlos von einer Phase in die nächste, von dieser Autorin zu diesem Maler zu diesem Fotografen, die Inspiration ist endlos.

Nur gibt es jetzt einen entscheidenden Unterschied. In meinen Zwanzigern ging ich auf diese Reisen immer mit einem dicken Gepäckstück auf dem schmalen Rücken: „Ich muss eigentlich etwas anderes tun gerade!“ Eine „richtige“ Berufung finden, mein Studium abschließen, alles andere war wichtiger als die Träumereien, in denen ich mich ständig verlor. Damit ist jetzt Schluss. Wenn ich mir einen Tag, ein Wochenende oder noch mehr nehmen möchte, um die Tagebücher von Max Frisch zu durchblättern, dann mache ich das! Alles das hat Einfluss auf mein Handeln und meine kreativen Prozesse in der Zukunft. Ich werde dazu ausführlich in der neuen Ausgabe des BUNT Magazins schreiben und auch bei einem Event in Duisburg im Juli während eines kleinen Vortrags darauf eingehen, was ich damit meine. Es ist eine Variation von den Gedanken, die ich hier auf dem Blog schon ein mal formuliert habe.

Ich habe gerade den Rest meines kalten Kaffees runtergekippt. Die Sonne scheint zwischen dunklen Wolken. Auf meinen Kopfhörern habe ich „You can’t always get what you want“ auf Dauerschleife. Ich werde jetzt an einem Artikel über eine Band aus den 70ern weiterschreiben, den Ihr im Herbst an eurem Kiosk finden werdet. Definiere Glück…

You can’t always
get what you want
But if you try sometimes
well you might find
You get what you need

Es fing an zu regnen, als ich die Haustür hinter mir geschlossen hatte. Ich zog die Kapuze meines Pullovers über meine Mütze, steckte meine Hände in die Vordertaschen und spazierte los. Es war irgendein Freitag im Juli. Den Tag hatte ich mir frei genommen, um zu schreiben. Etwas, das ich schon seit einigen Jahren nicht mehr gemacht hatte. Vielleicht ist das Schreiben die größte Sehnsucht und gleichzeitig die größte Niederlage in meinem Leben. Dass ich über die Fotografie zurück zu meiner Schreibmaschine finden würde, hätte ich niemals erwartet. Es sind die Fragen, die mir ständig gestellt werden, die mich wieder zum Nachdenken und Formulieren bringen. Wieso wirken die Frauen auf deinen Bildern so wie sie es tun? Wie sind deine Bilder zu dem geworden, was sie jetzt sind? Wie hast du zu deiner Art zu Fotografieren gefunden? (mehr …)

Der Tiefpunkt kam vor etwas weniger als drei Jahren. Mit 28 hatte ich den Versuch aufgegeben, Romane zu schreiben und mit knapp 30 war es damals noch nicht abzusehen, dass die Fotografie mich irgendwann erlösen würde. Zu dieser Zeit blutete mein Drang, mich künstlerisch ausdrücken zu wollen einfach unsinnig und unkontrolliert aus mir heraus. Denn Melancholie, die nie aufhört, ist keine. Keinen Roman zustande gebracht zu haben, hinterließ eine Wunde, die in genau dieser Zeit vor drei Jahren zu entzünden drohte. Ich suchte den Ausweg aus den dunkleren Winkeln meines Kopfes in Filmen und scharrte meine Lieblinge wieder eng um mich. Ein gutes Jahr, Finding Forrester, Motorcycle Diaries, Before Night Falls, Shadows in the Sun, Into the Wild. Ich schaute diese Filme beinahe täglich, manche 20 oder 30 mal. Einige der Filme, die für mich stark zu meiner „sentimental education“ beigetragen haben, sind von dem amerikanischen Regisseur Cameron Crowe. Nicht der Cameron von Titanic sondern „Jerry Maguire“, „Elizabethtown“ und vor allem „Almost Famous“.

Genau diesen Film hatte ich zu dieser Zeit mal wieder geschaut, nachts, im Weinrausch, mit offenem Herz und etwas zu anfälliger Seele. In dem Film geht es um die autobiografische Geschichte Crowes, der Anfang der 70er mit nicht mal zwanzig Jahren zusammen mit dem befreundeten RocknRoll Fotografen Neal Preston unter anderem die Allman Brothers Band für den Rolling Stone als Journalist auf Tour begleiten durfte. Der Film beinhaltet einige der Keimzellen von allem, was ich jetzt als Bob Sala in die Welt male. Nachdem ich den Film mal wieder geschaut hatte, beschloss ich, mich an meine Schreibmaschine zu setzen und Cameron Crowe einen Brief zu schreiben. Da ich betrunken und gefühlsduselig war, artete es ein wenig aus und am Morgen hatte ich dann eine zweiseitige Liebeserklärung getippt, inklusive einer finalen bitte um Adoption. Ich suchte ein, zwei Adressen aus dem Netz, Produktionsfirmen, Agenturen und schickte Kopien des Briefes nach Amerika. Eine Antwort bekam ich nie.

Das Cover der europäischen DVD des Films zeigt Kate Hudson, in Unterwäsche vor einem Hotelbett, im Hintergrund eine Gitarre, violette und neonblaue Farbgebung, keine Pose, einfach nur Sie und ihr Blick in die Kamera. Einer der ersten Versuche als Bob Sala war es, genau diese Szene mit einem Model nachzustellen. Eigentlich wollte ich wie Neal und Cameron mit Bands mitreisen, doch all meine Briefe an die Bands, Labels, Magazine und Tour Manager blieben unbeantwortet. Was daran gelegen haben mag, dass ich kein Portfolio hatte und einfach nur dreiste, biertrunkene Briefe im Stil Hunter S. Thompsons in meine IBM hackte. Ich wollte sein wie Lester Bangs, der im Film unfassbar genial von Philip Seymour Hoffman gespielt wurde. Eingesperrt zwischen seinen Platten, die ganze Nacht vor der Schreibmaschine.

Aber was ich mir zu eigen machen konnte aus der Welt von Almost Famous waren die Band Aids. Mädchen, die die Musik lieben, die Texte auswendig können, die Platten sammeln, nichts lieber tun, als mit ihrem Lieblingsalbum und fetten Kopfhörern in ihren Schlafzimmern zu sitzen und die Lyrics in den Booklets mitzulesen. Penny Lane ist ein Geist, der auf meinen Bildern lebt und der gleichzeitig Inspiration und Wegweiser für die erste Phase meiner Fotografie wurde. Seitdem ist viel passiert. Mein Herz hält längst nicht mehr Schritt mit allem, was ich zurückbekomme. Jede Flaschenpost, die ich in den letzten beiden Jahren ans Universum geschickt habe, wird dieser Tage eine nach der anderen beantwortet. Durch die Fotos, die ich mache, lerne ich beinahe täglich Menschen mit denseben kulturellen Einflüssen kennen. Zufall und Bestimmung wechseln sich wöchentlich ab in meinem Postfach.

Eines Tages führte das Schicksal mich dann auf einer Veranstaltung hier in meiner Stadt zu Giulia Calani. Giulia ist Galeristin. Sie organisiert Ausstellungen. Wir wurden einander vorgestellt. Ich als Fotograf, sie als Ausstellungsorganisatorin. Ihre erste Frage: „Kennst du vielleicht Neal Preston?“

Dass ich in einem Dorf wohne ist ein Fakt, der mir mittlerweile regelmäßig vorgeworfen wird. In eine größere Stadt zu ziehen, um mit meiner Fotografie weiterzukommen, scheint für viele der logische Schritt. Und dann treffe ich auf einer kleinen Kreativveranstaltung in Paderborn die Galeristin von Neal Preston. Giulia arbeitet für die Lightpower Collection. Dort hat man viele von Neals Bildern gekauft und organisiert nun Ausstellungen und Verkäufe. Die Gelder, die damit eingenommen werden, werden komplett gespendet. Ich antwortete ihr, dass ich Neal sehr wohl kenne und ein großer Fan sei. Tatsächlich habe ich drei Bücher von Neal in meiner Wohnung. Er war der offizielle Tourfotograf von Led Zeppelin in den 70ern und hatte außerdem so gut wie jede meiner anderen Lieblingsbands vor der Kamera. Giulias nächste Frage war, ob ich den Film „Almost Famous“ gesehen hätte.

Wir redeten nicht viel mehr an dem Abend, aber verabredeten uns zu ein paar Cocktails ein paar Wochen später. Und wie es der Zufall will, fiel das alles in die Planung der aktuellen Ausstellung von Neal. In Gütersloh, meiner Heimatstadt (kann man sich bis Ende November im Theater Gütersloh geben, Samstag is Kick-Off und Lesung). Es war schnell klar, dass Giulia mich in die Veranstaltung involvieren und ich den Mann kennenlernen würde, der zu Teilen verwantwortlich für dieses Bob Sala Zeug ist. Ungläubig verbrachte ich die letzten Wochen damit, seine Interviews und Essays wiederzulesen und mich auf die Ausstellung zu freuen. Was könnte ich ihn Fragen, wenn ich ihn sehe? Geheim hoffte ich, dass er einfach nur erzählen würde, wenn wir uns treffen. Ich kenne viele seiner Geschichten, aber ich wollte sie von ihm persönlich hören. Und in dieser Woche startet die Ausstellung endlich mit einigen Veranstaltungen. Ich sollte Neal eigentlich morgen auf der Vernissage kennenlernen. Bis Giulia mir gestern eine Nachricht schickte, ob ich um viertel nach sieben am Arosa Hotel sein könne. Wir würden dann mit Neal essen gehen. Ich bin halb durchgedreht, sprang noch schnell unter die Dusche und rannte aufgeregt durch die verregneten Straßen während ich den „Oogum Boogum Song“ auf den Kophörern hatte. Die beiden warteten schon auf mich vor dem Hotel.

Neal war genau wie ich ihn von einigen Bildern her kannte. Schlank, nicht der größte, schütteres Haar, zurückgekämmt a la Bukowski und zu meinem Glück von der ersten Minute an sehr gesprächig. Ich hatte mir unser Treffen schon das eine oder andere Mal ausgemalt. Wie es am Ende gelaufen ist, hatte ich nicht zu träumen gewagt. Wir sprachen über seinen guten Freund Cameron, er zeigte mir ein Bild auf seinem Handy, das jemand von ihm und Crowe gemacht hatte, während sie vor Pete Townshend stehen und grinsen wie kleine Jungs. „Ich bin einfach immer ein Fan der Musik geblieben. Und wenn ich vor meinen Idolen stehe ist das immernoch das Größte für mich!“ sagte er zu mir, während er das Bild beschrieb. Er überlegte kurz, Cameron für mich auf der Stelle anzurufen. Dann erzählte ich ihm von meinem Brief. Neal verpsrach mir, den Brief persönlich an Cameron weiterzugeben. Ich durfte so viele Geschichten mit ihm noch einmal erleben, während er weitererzählte. Anzügliches mit Courtney Love, ein Fotoshooting mit Springsteens Frau im Chelsea Hotel, Super Bowl Wetten mit Matt Damon, Backstage Geschichten von Led Zeppelin, Fleetwood Mac, Ten Years After, Sly and the Family Stone. Und dann kamen wir zu Almost Famous. Er erzählte vom Dreh, von den wahren Geschichten, auf denen der Film basiert. Von der echten Penny Lane, die ihn vor kurzem noch besucht hatte und von diesem einen Bild. Kate Hudson vor ihrem Hotelbett mit der Gitarre im Hintergrund. Neal erzählte, dass alle Stills zum Film von ihm seien. Und dieses Bild, das als Szene im Film gar nicht vorkomme, hatte er spontan mit Kate Hudson gemacht, als sie im Ambassador Hotel in Kalifornien drehten, dort wo man Robert Kennedy angeschossen hatte. Er habe das Licht in dem Zimmer gesehen, dazu die Gitarre und Kate gefragt, ob sie nicht Lust hätte, ein paar Fotos zu machen. Sie sagte zu und so entstand die Vorlage für meine ersten Arbeiten. Vielleicht sogar der Vibe für alles.

Ich könnte noch viel mehr erzählen, aber die schönsten Geschichten behalte ich einfach für mich und trage sie in den nächsten Jahren mit mir rum wie kleine Anhänger an meinem Armband. Der gestrige Abend endete in der Hotelbar des Arosa und Neal verstreute noch einige Kontaktbögen und Negative aus den 70ern und 90ern über den Tisch. Ich hatte einen hochroten Kopf, kam aus dem Lächeln nicht mehr heraus und begann nur noch ungläubig mit dem Kopf zu schütteln. Er schenkte mir einen Testprint von einer seiner Aufnahmen aus dem Jahr 1977. Led Zeppelin in Detroit, während der Performance von „Achilles Last Stand“. Er nahm einen Sharpie aus seiner Tasche und begann am oberen Rand ein paar Worte zu kritzeln. Jetzt ist es halb fünf am Morgen, etwa sechs Stunden später. Ich muss gleich zur Arbeit. Doch ein bisschen genieße ich noch die Musik und blicke auf dieses für Neal wahrscheinlich unbedeutende Geschenk. Das vielleicht eine der schönsten Erinnerungen aus diesen Jahren für mich werden wird. Ich überlege, ob ich das hier morgen überhaupt veröffentlichen soll. Vielleicht bin ich ein bisschen zu emotional gerade. Aber andererseits hat Lester Bangs mir die Frage ja schon beantwortet im Film, also hoffe ich, dass ihr mir meine Gefühlsduselei nachseht.

“The only true currency in this bankrupt world is what you share with someone else when you’re uncool.” – Lester Bangs

Ob in guten oder in schlechten Phasen, es beruhigt, zu wissen, dass ich immer wieder zu meinen Büchern zurückkehren kann. Mit Hilfe der Literatur habe ich mir eine Insel erschaffen, zu der ich wieder und wieder segeln kann, um mich von der Außenwelt abzuschotten.

Das hat mir in meinen späten Zwanzigern den Arsch gerettet. Die negative Bedeutung, die bei dem Wort „Träumer“ mitschwingt, hat sich mir nie erschlossen. Als Träumer sehe ich nicht nur die unbelehrbaren Optimisten. Für mich als Träumer, genügt es, mir eine zweite Realität zu schaffen, in der ich mich nicht rechtfertigen muss. Das war schon so, Jahre bevor ich den Namen Bob Sala bei Hunter S. Thompson gelesen hatte. Kafkas Prag war genauso meine Heimat wie Hemingways Paris oder Bolaños Santa Teresa.

„Wenn du nur in deinen Träumen lebst, verzweifelst du zwangsläufig an deiner Realität“. Ist das so? Ich weigere mich, meine Realität auf die Dinge zu beschränken, die meinen Alltag ausmachen. Alles Reale ist auch nur eine Interpretation unseres Gehirns. Chemische Prozesse bestimmen, ob wir die Tasse rot oder grün sehen oder ob der Sonnenuntergang uns erfreut oder in eine Depression stürzt. Meine Großmutter litt in ihren letzten Jahren an fortgeschrittener Demenz. Und irgendwann begann sie von ihrer Vergangenheit zu erzählen. Da ging es um den Freund, den sie vor meinem Opa hatte, der im Krieg gestorben war. Als es noch schlimmer wurde, wiesen ihre Geschichten immer phantastischere Züge auf. Wir realisierten irgendwann, dass sie uns Episoden aus „Traumschiff“ oder „Ein Schloss am Wörthersee“ nacherzählte. Für sie war es in den letzten Monaten die Idylle aus ihren Lieblingsserien, die sie für ihre eigene Vergangenheit genommen hatte. Macht es das weniger real für sie? Wenn sie nun mit der festen Überzeugung gestorben ist, sie habe ihr Leben an der Seite von Roy Black verbracht. Was solls.

In den letzten Monaten gleicht mein Leben nun immer mehr der Traumwelt, die ich mir früher schuf. Das ist in gewisser Weise weniger real für mich als meine Phantasie. Ich schreibe diese Sätze in zehn Tausend Metern Höhe auf dem Flug von den vereinigten arabischen Emiraten nach Colombo, Sri Lanka. Die Sonne strahlt grell durch die Fensterscheiben und ich kann kaum lesen, was ich in mein Notizbuch schreibe. Ich habe vor kurzem Patti Smiths „M Train“ gelesen. Darin gibt es ein Kapitel mit dem Titel „Uhr ohne Zeiger“. Es geht darin um die Wahrnehmung und das Erleben von Zeit. Und wie sie mit ihrem Mann die Zeit ganz eigentümlich auslegt. Gespräche bis in die Morgenstunden, dann den Tag verschlafen und abends nach einem noch offenen Diner suchen, wo sie schwarzen Kaffee trinkt und er Bier. Sie schreibt davon wie sie Pläne schmieden. Eine Fernsehsendung mit dem Titel „Betrunken am Nachmittag“. Ihr Mann würde Interviews führen und die Leute betrunken machen und zwischendurch gäbe es eine „Kaffeepause“, in der Patti unterstützt von Nescafé über Gefängnisliteratur sprechen würde. „Nicht alle Träume müssen verwirklicht werden“, beendet sie diese kleine Spinnerei.

Mein Leben besteht zur Zeit aus dem Erfinden, Ausarbeiten und Verwerfen oder Realisieren von neuen Ideen und Projekten. Australien, Sri Lanka, LA, Magazine, Led Zeppelin, Bücher, Modefotos, Schreiben, Stories, Hawaii-Hemden, Rum, Sonne, Bücher, Lesen, Arbeit in der Verlagswelt, mehr Reisen, mehr Schreiben, mehr Lesen, die Musik, Vinyl, Musikmagazine, Bands, Musiker, Filmer, Nerds, Interviews. Mein Leben platzt vor Dingen, die ich mir immer vorgestellt habe. Und gleichzeitig fallen rechts und links die Projekte ins Wasser, Ideen werden verworfen, erneuert, neu belebt. Für jeden Erfolg gibt es eine Niederlage, von der niemand mitbekommt, eine Enttäuschung wird vergessen gemacht durch eine Email, die mich lachend durch die Innenstadt tanzen lässt.

Es wäre längst an der Zeit, mich zu bedanken. Bei den Mächten, die in den vergangenen Monaten und Jahren das Steuer übernommen haben. Bei den Menschen, die sich die Zeit nehmen und mir Tausend Wörter in eine Email schreiben. Doch ich bin abergläubisch. Wenn ich wirklich realisieren würde, was da gerade alles passiert, würde es mir vielleicht in den Händen zerrinnen. Ich reite lieber weiter auf diesen Wellen und erwarte, irgendwann im großen Stil zu scheitern. Allen, die trotzdem in dieser Zeit ihr Vertrauen in mich setzen: MAHALO. Lasst uns weiter Realität und Traum verschwimmen lassen.

Als ich noch aktiv meinen Blog “Wilde-Leser.de” betrieben habe, hat der in Hiroshima lebende Schriftsteller Leopold Federmair über einen kurzen Zeitraum eine kleine Kolumne für mich geschrieben.

Eigentlich war es ein größerer Text, den wir dann in Einzelteilen veröffentlicht haben. Auf Wilde-Leser.de hatten wir uns als “Aficionados” der Literatur des chilenischen Autors Roberto Bolaño zusammengeschlossen und waren kurz davor eine deutsche Bolaño-Gesellschaft zu gründen, bevor es die Gruppe aus Zeitmangel auseinanderschlug. Unter uns waren Schriftsteller, Lektoren, Übersetzer, Bibliothekare, Lehrer, Studenten und Bücher-Nerds.

In seiner Kolumne beschrieb Federmair ein Treffen mit Bolaño 2001, das in vielerlei Hinsicht interessant war. Die für mich wertvollste Stelle war aber  folgende: “Über die drei Tage Anfang April 2001, an denen ich viel mit Roberto zusammen war, habe ich in einem Artikel für die Literaturzeitung Volltext berichtet. Roberto hat mich vom ersten Augenblick an als Kollegen, als „jungen“ Schriftsteller behandelt, er interessierte sich nicht im geringsten für die Frage, ob ich auch bekannt oder gar berühmt sei – tatsächlich existierte und existiere ich nur am Rand dieses Betriebs. Als Roberto den Wunsch äußerte, Bücher von mir zu sehen, wollte er keinen Beweis, sondern einfach nur das, meine Bücher sehen (lesen konnte er sie nicht). Ich führte ihn in die Zentralbuchhandlung beim Stephansdom, weil ich sicher sein konnte, daß dort wenigstens eins oder zwei meiner Bücher in einem Regal standen. Robertos Verhältnis zu Autoren (besonders zu Dichtern) ist so wie das der Dichter in Die wilden Detektive untereinander. Erfolg ist kein Kriterium, die dichterische Lebensform genauso wichtig wie die Veröffentlichungen, das Schreiben (um jeden Preis) mindestens so wichtig wie das Ergebnis.”

Bolaños Einstellung ist sehr nahe an meiner Auffassung von Kulturbetrieb und kulturförderndem Diskurs in der Öffentlichkeit. Dass ich mittlerweile Fotos mache hat nichts an meiner Einstellung zu künstlerischer Arbeit geändert. Für mich eint die gemeinsame Arbeit an einer Kunstform den engagierten Amateur mit dem erfolgreichen Fotografen, den Fotografen, die man in den Galerien findet. Bolaño war ein Schriftsteller, der erst nach seinem Tod eine große Leserschaft gewonnen hat. Mit seinem nachgelassenen Roman 2666 sorgte er nachträglich für den Unterhalt seiner Frau und seiner Kinder, die ich vor zwei Jahren in Barcelona treffen durfte. Trotzdem war Bolaño nie ein Publikumsautor und wird von vielen gern als “Writer’s Writer” bezeichnet. Also einer der Schriftsteller, von denen dein Lieblingsschriftsteller vielleicht begeistert ist, der aber im Mainstream nicht wirklich ankommt. In seinen Büchern spielen häufig Schriftsteller und Verleger oder Übersetzer eine gewichtige Rolle. Es geht um das Schreiben, es geht um den Lebensstil als Schriftsteller. Bolaño gründete schon früh mit seinen Freunden eine eigene literarische Gruppe und war zeitlebens mit Schriftstellern auf der ganzen Welt in Kontakt. Er beantwortete Emails von unbekannten jungen Schriftstellern, während er in seinen letzten Jahren, mit der Gewissheit des nahenden Todes, verbissen an seinem Werk arbeitete.

Es ist also kein Wunder, dass sich nach seinem Tod auf der ganzen Welt die “Aficionados”, die Liebhaber seines Werkes zusammengefunden haben. Aficionados sind das, was eine Kunstform erst möglich macht. Bolaño hatte das verstanden. Und das ist gilt nicht nur für die Kunst. Jede Gruppe von Menschen, die sich leidenschaftlich mit einem Thema beschäftigt, ist innerhalb der Gruppe von einander abhängig, sei es durch Verwandtschaft oder im negativen Fall durch Abgrenzung. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand ein Fotobuch kauft, der nicht an Fotografie interessiert ist, ist geringer als umgekehrt. Natürlich kaufen die Menschen James Dean Bildbände oder Fotosammlungen von der Fußball-Weltmeisterschaft meist nicht wegen den Fotografen, aber man kann sicher sein, dass die Fotos, die man dort in der Hand hält von einem “Aficionado” geschossen wurden.

Irgendjemandem, der mit 15 Jahren die alte Kamera vom Vater geerbt und auf der Stelle geliebt hat oder dem heutzutage mit 12 die Foto-App auf seinem Handy ein bisschen mehr gibt als seinen Mitschülern. Und schon treten diese Mädchen und Jungs in einen Diskurs ein. Kunstgeschichte wird viel zu elitär wahrgenommen. Die Fotografie hat erst richtig Fahrt aufgenommen als Kunstform, nachdem die kleineren Apparate für die einfachen Leute zugänglich gemacht worden waren. Und das ein Mädchen in der 6. Klasse mit seiner Handy-Kamera ein von der Resonanz her aber auch künstlerisch besseres Bild machen kann, als jemand mit einer dreijährigen Ausbildung und 10jähriger Erfahrung geht natürlich vielen gegen den Strich. Fotografie wird zum Alltag, das einzelne Bild zum Dokument. Die Arrivierten schreien auf. Gut so.

Denn eigentlich kann man daran nichts Negatives finden. Vom ersten Bild mit dem Handy bis zum eigenen Stil durchlaufen diejenigen, die wirklich am Ball bleiben, ganz ähnliche Phasen. Bei manchen sind diese Phasen kürzer als bei anderen, manche bleiben auch in einer der Phasen stecken und geben es aus Mangel an Interesse und Durchhaltevermögen erstmal auf. Die Entwicklung ist was uns eint. Und innerhalb dieser Entwicklung ist uns so viel Unterschiedliches aber auch so unfassbar viel Ähnliches passiert, dass man als Fotograf mitunter ständig Menschen trifft, die deine Erfahrungen und deinen Blickwinkel vollkommen nachvollziehen können. Egal ob seit einem Jahr dabei oder seit fünf. Ben Bernschneider hat das letztens in einem Interview bei Ben Hammer ganz treffend zusammengefasst. Bei ihm ging es um die negativen Aspekte der Fotografen-Community und die teilweise vorherrschende Missgunst:

“Du suchst dein ganzes Leben lang nach Menschen, mit denen du dich unterhalten kannst, mit denen du irgendwas teilen kannst. Und ein Garant dafür, für Fotografen, für Leute, die gerne Bilder machen […] oder Leute, die einfach ne Latte kriegen, wenn sie ihre Bilder sehen, einfach da ihre Lust und alles herschöpfen. Wie kann man diese Leute denn gerade doof finden und wegschubsen? […] Der Konsens, dass man das Gleiche macht, find ich ganz wunderbar.”  

Mein Blick geht mittlerweile in zwei Richtungen. Ich habe meine geliebten Fotografinnen und Fotografen unter den Klassikern und in meiner Generation gefunden und finde jede Woche neue,  bin aber gleichzeitig fasziniert, was Leute mit ihren Instagram Accounts anstellen oder plötzlich auch wieder mit den kleinen Lomodingern und Film. Die Kultur ist so zugänglich wie nie, die Stilrichtungen so verschieden wie es für Fotografen in den 60ern wahrscheinlich nicht mal annähernd denkbar war. Je mehr ich von diesen Leuten kennenlerne zur Zeit, desto elektrischer wird das Gefühl, das ich habe, in meinen Gedanken ein Teil dieses großen Summens zu sein, auch wenn es bei mir so ist wie bei Leopold Federmair:

 “Tatsächlich existierte und existiere ich nur am Rand dieses Betriebs.”

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Ich werde in den letzten Tagen immer wieder in Jahresrückblicken von Models erwähnt und verlinkt. Hätte man mir das vor einem Jahr gesagt… Ich genieße die ganzen Kontakte, die ich durch die Fotografie gewinnen konnte im letzten Jahr und fühle mich geehrt, im Rückblick ein Teil von Eurem Jahr gewesen zu sein. Ich bin sehr dankbar für alles. Und doch rückt die Fotografie in letzter Zeit immer wieder und immer weiter in den Hintergrund. Ich würde die Gelegenheit und die Reichweite hier daher gerne für einen »statt Blumen«-Beitrag nutzen.

Die Fotografie beiseite, beruflich und privat war dieses Jahr nicht gerade ein Highlight, eher ein Fiasko und teilweise kam ich mir leicht verarscht vor vom Schicksal. All das habe ich (einigermaßen) hinter mir gelassen und konnte in den letzten Monaten meine Energie und Aufmerksamkeit auf andere Bereiche lenken, die mir das Leben wieder direkt in die Venen gedrückt haben. Hauptberuflich bin ich in der Bildungsbranche unterwegs. In den letzten Jahren hieß das vor allem die Entwicklung innovativer Möglichkeiten zur Begleitung von Schülern ins Berufsleben voranzutreiben. Seit einigen Monaten arbeite ich jedoch vor allem im Bereich der Flüchtlingshilfe. Dazu gehört, dass ich zwei Deutschkurse gebe, größtenteils für »allein reisende junge Männer« (WTF?) aus Syrien. Dazu gehört aber auch innovative Ideen für die Betreuung in den Kommunen zu entwickeln und Menschen nach ihren Bedürfnissen zu fragen.

Um die Teilnehmer für meine Deutschkurse zusammenzustellen, bin ich die einzelnen Camps, Wohnhäuser und Turnhallen angefahren und habe gleichzeitig einen Eindruck von den Umständen gewinnen können, in denen die Flüchtlinge derzeit leben. Die Familien hatten es dabei meist sehr »in Ordnung« erwischt. Zwar lebten dort viele Menschen in einer Wohnung, aber die Wohnungen sind sauber, warm und freundlich. Für die »allein reisenden Männer« sieht das Ganze allerdings in vielen Fällen anders aus. Manche der Herbergen waren eigentlich nicht bewohnbar. Zu den Umständen möchte ich aber nicht zu viel sagen. Die Situation ist einfach angespannt und alle arbeiten auf Hochfrequenz an Lösungen, auch wenn im derzeitigen Chaos nach dem großen Flüchtlingssturm vieles unverständlich ist was passiert. Viel mehr ist doch die Frage: Was können wir tun? Das ist auch die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird in letzter Zeit. Viele berichten von Flüchtlingsheimen, die alte Möbel nicht annehmen wollen o.ä. »Unsere Hilfe wird ja nicht angenommen!«, höre ich dann. Wasser auf die PEGIDA-Mühlen. Nur brauche ich in einem Heim mit Fluren, auf denen es jeweils 6 Zimmer gibt mit jeweils 12 Bewohnern keinen Einbauschrank und kein Ecksofa. Der Platz reicht gerade so für ein paar Pritschen. Freizeitraum gibt es nicht. Da schläft schon wer.

Ich habe mit etwa 50 Menschen aus Syrien und dem Irak Kontakt. Jeden Tag. 45 davon Männer. Die meisten etwa in meinem Alter, zwischen 22 und 34. Ich habe Ärzte, Ingenieure, Richter dabei, ich habe KFZ-Mechaniker, Busfahrer und Köche dabei. Ich habe Englisch-Lehrer und Physik-Lehrer dabei. Journalisten, Hilfsarbeiter, Grundschuldirektorinnen. Die meisten der Männer sind Single, haben aber ihre Mütter, Schwestern, Väter und Brüder in der Heimat gelassen, um sie nachzuholen, sobald eine Aufenthaltserlaubnis vorliegt und eine passende Wohnung gefunden ist. Es sind meist die kräftigen jungen Männer der Familie, die sich den Strapazen der Flucht aussetzen und jetzt in Deutschland ankommen. Was von vielen als Kritikpunkt verwendet wird, ist hierbei einfach schlichter Menschenverstand.

Die Jungen kommen nach einer Tortour hier an. Dann warten sie ein paar Wochen auf die BÜMA (Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender), ein weißes Blatt Papier, das für die nächste Zeit als ihr Ausweis dient. Danach kann es bis zu einem Jahr dauern, bis sie das Interview bekommen, nachdem entschieden wird, ob sie bleiben dürfen. EIN JAHR. Ein Jahr, in dem man arbeiten und reisen kann oder in seiner Freizeit viele schöne Shoots machen kann, für die man dann am Ende des Jahres Danke sagen kann in einem Post bei Facebook, nachdem man zwei Kilo schwerer vom Weihnachtsessen bei den Verwandten wieder mit neonweißem Gesicht in der Dunkelheit vor dem Laptop sitzt. Ein Jahr in einem Zimmer mit 11 Fremden. Auf einem Flur mit zwei Kochstellen. Ohne die Gewissheit, nach dem Interview auch bleiben zu dürfen.

Nun müsste man denken, dass diese Situation zu Lagerkoller, Konflikten, vielleicht auch Kriminalität führt. Ich würde diese Situation jedenfalls nicht aushalten. Der erste Griff am Morgen wäre der zu meiner Rum-Flasche. Seit Wochen betreue ich nun einige dieser ständig angesprochenen »allein reisenden Männer«. Jüngere, Ältere, Hänflinge, Hünen, Untersetzte, Dürre, Dunkle, Helle, Bärtige, Kindliche, Vernünftige, Impulsive, Laute, Leise. Und dabei habe ich vor allem eins kennengelernt: mich. Meinen Bruder. Meinen Vater, meinen besten Freund aus Schultagen, den Typen aus der Parallelklasse, einen alten Nachbarn. Sie alle sitzen dort vor mir und haben Schwierigkeiten, das Wort ZWÖLF auszusprechen und brechen jedes Mal in helles Gelächter aus dabei. Ich habe Freunde gefunden in diesen Menschen. Die nichts anderes wollen, als Sicherheit und Frieden für sich und ihre Familien. Ich sehe Fotos von den Daheimgebliebenen. Müttern, Schwestern, vor allem Töchtern. Ich sehe Fotos auf ihren Handys von den Städten in denen sie ihre Heimat hatten: Aleppo, Homs, Damaskus, wunderschönen Städten mit Cafés, in denen ich gerne an einem Sonntag Morgen gesessen und gelesen hätte, Altstädte so prachtvoll wie in Italien und Frankreich dann zeigen sie mir Fotos aus diesem Jahr, aus dem wunderbaren 2015. Der Bäcker, bei dem einer meiner Schüler arbeitete, bevor er nach Deutschland fliehen musste, ist nicht mehr zu sehen auf einem staubigen Platz mit zerplatztem Beton. Auch die Fahrschule daneben ist nur noch ein Haufen Stein. Hotels, »in denen die Nacht 500 amerikanische Dollar gekostet hat«, Restaurants mit dem besten und fettigsten aus der heimischen Küche. Ganze Stadtteile dem Erdboden gleich.

Doch darum geht es hier nicht. Es geht um das hier und jetzt. Und wieder um die Frage »Was können wir tun?« Und dabei geht es nicht um Geld. Die Flüchtlinge haben nicht viel. Aber eigentlich kommen sie zurecht. Sie bekommen staatliche Hilfe, haben ein Dach über dem Kopf. Was sie wollen? Kontakt! Kontakt zu uns. Zu Deutschland. Sie wollen, dass Deutschland ihre Heimat wird. Nicht 2015. Nicht in diesem Winter. Aber vielleicht in den nächsten zwei oder drei Jahren oder in zehn. Sie tun alles in ihrer Situation mögliche, um so schnell wie es geht ein Teil dieser Gesellschaft zu werden. Sie verspüren große Dankbarkeit für alles, was ihnen von deutscher Seite bisher entgegen gebracht wurde. Und in meinem Fall haben die meisten Flüchtlinge auch noch überhaupt keine Begegnung mit Anfeindungen gehabt, sieht man mal von dem ein oder anderen stumpfen Blick in der Fußgängerzone ab. Woran es ihnen also fehlt: Kontakt. Und Antworten. Und damit wären wir auch endlich bei meinem »statt Blumen«-Kern dieses Textes angelangt.

Die Behörden, die Ehrenamtlichen, die Koordinationsstellen, die Polizei. Sie alle arbeiten derzeit bis in die Abendstunden und trotzdem ist das eigentlich noch nicht genug, was getan werden könnte. Die Asylbewerber haben keine wirklichen Ansprechpartner mehr, sobald sie ein Dach über dem Kopf haben. Während sie auf ihren Interview-Termin warten sind sie allein gelassen mit allen Aufgaben, die ihnen der deutsche Alltag stellt. Familien haben es leichter, Hilfe zu finden. Aber die jungen Männer sind oft unter sich (bereits vorher wird diese Trennung vorgenommen, dafür können sie nichts).

Man kann also gerade so wunderbar einfach einem Menschen helfen, in dem man zum Beispiel einen Zahnarzttermin für ihn macht. Ein älterer Herr aus meinem Kurs musste operiert werden und sollte vor der OP die Informationen zu seiner Krankengeschichte ausfüllen, ein langes Formular, an dem viele auf Deutsch schon verzweifeln. Ein Syrer hat ein gebrauchtes Fahrrad gekauft und weiß nicht, wie er mit den deutschen Verkehrsregeln umgehen soll und welche Reflektoren/Blinker/Hupen er ans Fahrrad schrauben muss, damit ihn die Polizei nicht anhält. Der ausländische Führerschein gilt auch nur 185 Tage, sobald man in Deutschland registriert ist. Danach muss man die deutsche Prüfung (theoretisch und praktisch) noch einmal machen. Um das zu können muss einen jedoch eine Fahrschule zur Prüfung anmelden und vorher muss noch eine Fahrstunde absolviert werden. Woher soll man das wissen? Dann die Grundbedürfnisse: Hier fehlen ein paar Sportschuhe in Größe 43, dort vielleicht ein bisschen Nähzeug, dem anderen Zimmer kann man mit einem kleinen Wäscheständer die Lebensqualität erhöhen. Das sind Dinge, die von oben und über die Koordinierungsstellen nicht organisiert werden können. Die ersten Spenden für die Auffangstellen waren wichtig. Aber alles was jetzt kommt, muss an die Bedarfe angepasst sein und dafür muss man die Bedarfe kennen.

Deshalb mein Rat und meine Bitte an jeden von Euch: wendet Euch nicht an überforderte Koordinierungsstellen, ruft nicht bei der Stadt an. Ich weiß, dass das in der Weihnachtszeit viele versucht haben. Findet heraus, wo die Menschen wohnen und GEHT HIN. Klingelt an und stellt euch vor helft mit dem größten Gut in dieser Situation: Zeit. Und man findet immer jemanden, der Englisch kann, gerade bei den Syrern. Fragt einfach »Wie kann ich dir helfen? Hast du Fragen?« – Jemanden zu haben, der einem ein paar Fragen beantwortet und vielleicht schnell was recherchieren kann. Vielleicht jemanden, der einen zum Arzt begleitet, zum Amt. Eine kleine Übersetzung eines Schreibens des Kindergartens, der für die Aufnahme der Tochter noch ein wichtiges Formular braucht. Kleine Hilfen und die beständig.

Das ist notwendig und bricht keinem von uns einen Zacken aus der Krone. Einen Teil meiner Freizeit investiere ich in genau diese Dinge. Und es fühlt sich richtig an. Vielleicht ist das auch nur Eigensinn bei mir. Aber da scheiß ich dann mal drauf. Lasst das mit den riesigen Publicity-Aktionen, wo ein Mal an einem Tag medienwirksam etwas für Flüchtlinge gebündelt getan wird. Geld wird auf Dauer nicht das Problem der Menschen sein. Die kleinen Gesten werden den Unterschied machen. Für einen Menschen, für eine Familie, für eine Region.

Integration ist nicht nur Sache der Politik. Geht hin und sagt einfach mal hallo. Es sind neue Deutsche im Land.

Bei mir ist jedes Bild eine Mischung aus Planung und Zufall. Geplanter Zufall will ich es mal nennen. Ich überlege im Vorfeld mit dem Model viel zum Thema Location, Style, Make-Up, Bildlook, aber wenn es dann zum Shoot kommt, mag ich es am liebsten, möglichst anarchisch vorzugehen.

Vielleicht liegt mir Studiofotografie deswegen auch nicht so, da ich dort nicht genug Können/Wissen habe, um kontrolliert zu eskalieren. Bei folgendem Bild sind es allerdings gleich mehrere Zufälle, die zur Entstehung meiner bisher erfolgreichsten Aufnahme führten.

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Meine Liebe zu den 60er Jahren in Sachen Film, Musik und Fotografie habe ich hier ja bereits öfter zum Ausdruck gebracht. Vor allem die Songs und Musiker dieser Zeit begleiten mich im Alltag, bei Shootings und am Wochenende, wenn ich mit meinen Büchern und Platten in der Wohnung herumliege.

Zum Einen wäre da die psychedelic Rock Ära, Surf Rock und britischer Psychedelic, die mich anfixen (Songs, die in Filmen meist benutzt werden, wenn es um Vietnam geht oder jemand in irgendeinem Drogenrausch versuppt) – zum Anderen ist da die unvergleichliche Soul Musik der späten 50er und frühen 60er. Von Gospel bis Doo-Wop höre ich da fast alles, aber vor allem Sam Cooke, Otis Redding, Marvin Gaye, The Temptations und wie sie alle heißen. (mehr …)

Nur zwei Straßen abseits der Geschäftigkeit des Grand Place in Brüssel sieht man alle paar Minuten Menschen für einen kurzen Moment stehen bleiben, um in ein Schaufenster zu starren.

Junge Mädchen, die vielleicht von der Uni kommen, Touristen, Rentner – alle bleiben sie für einige Sekunden stehen und bestaunen das Fenster und die Auslage eines kleinen Brood – und Kaasgeschäfts.

Der Laden wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, vor der Tür stehen einige Aufsteller, ein dicker Gouda lehnt von innen am Glas, daneben zwei Körbe mit Bananen und bäckchenrot glänzenden Äpfeln. Auf den zweiten Blick passt etwas nicht ins Bild eines kleinen Kaufladens. Die Fassade ist tapeziert mit kleinen Schildern, etwa so groß wie eine Kunstblock-Seite in der Grundschule, die beschrieben sind mit einem dicken Filzstift in männlich-pragmatischer Handschrift. Auf einem steht:

He said: ‚Yes we can‘ Tonton Garby said: ‚I’ve understood Cheese is like love need time!! Eat cheese, forget the rest and you’ll feel Great!!!‘

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Und so geht es weiter. Zig kleine Tafeln mit kauzigen Sprüchen, die es mir unmöglich machen, nicht wenigstens einen kleinen Blick in den Laden zu werfen. Ich öffne die schwere alte Holztür und merke schon beim ersten Spalt, dass sie gleich mit einer kleinen Sammlung aus drei dicken Kuhglocken oberhalb des Türrahmens zusammenstoßen wird, KLABIMMEL, ich bin da.

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Ein schlanker Mann von vielleicht 40 oder 45 Jahren begrüßt mich direkt überschwänglich, um sich danach wieder um eine Kundin und ihren kleinen Sohn zu kümmern. Ich blicke mich um in dem Kleinen Geschäft, das nicht größer ist, als vielleicht 12 oder 13 Quadratmeter. Auch hier klebt alles voll mit kleinen, handgeschriebenen Zetteln von Tonton Garby. Was jedoch mehr auffällt sind die kräftigen Farben der Bananen, Orangen und Honiggläser, man fühlt sich wie in einer Honigwabe eingeschlossen.

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Und schon bin ich an der Reihe. Der Mann erkennt schnell, dass er mit Englisch bei mir weiter kommt als mit Französisch. „Fühl dich wie zuhause, setz dich erstmal hin und leg deinen Rucksack ab, jetzt bist du bei Tonton Garby,“ befiehlt er und ich gehorche. Was er mir machen dürfe, fragt er als nächstes. Einfach ein Baguette mit Käse und einen frischen Orangensaft, antworte ich. Kein Problem, welchen Käse ich wolle. Ich wisse es nicht, er solle für mich entscheiden. Gut, sagt er, und macht sich an die Arbeit. Ich lasse meinen Blick weiter durch den Raum schweifen. Man hört das Geräusch einer kleinen Orangenpresse hinter der Theke und aus einem kleinen Radio kommen ruhige, jazzige Weihnachtslieder. Man hat gar keine Wahl, als sich zu entspannen. Nach ein paar Minuten kommt der Mann mit einem Baguette und einem kleinen Becher Orangensaft zu meinem Tisch und wünscht mir guten Appetit. „Garby, sind sie das?“, frage ich ihn, als er sich umdrehen will. Ja, das sei er, und das Tonton stehe für Onkel, Onkel Garby, wo man sich fühlt wie bei seiner Familie. Und ich muss gar nicht viel tun, ausser nicken und in mein Baguette zu beißen, während Tonton Garby von sich erzählt und seinem Laden und seiner Philosophie.

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Seit 24 Jahren sei er schon in Brüssel, seit 2 Jahren in diesem Laden in der Innenstadt. Brüssel gefällt ihm besser als Paris, warst du schon mal in Paris?, fragt er, da bist du nur eine Nummer zwischen 1 und 12 Millionen, wohingegen Brüssel, da kennst du noch wen, hast deine Leute, alle wissen, wo sie Tonton Garby finden können. Und, einmal in Fahrt, setzt Garby zu einem Monolog an, der mich für eine halbe Stunde auf den Plastikstuhl fesselt. Ich brauche nicht mehr, sagt er, mein Laden ist die Erfüllung für mich. Wenn Leute kommen und meckern und böse sind auf ihr Leben, dann sag ich ihnen: Wenn es dich nicht erfüllt, dann lass es. Das zieht sich durch das ganze Leben. Und Käse oder Wein sind da ein gutes Beispiel. Es gibt Leute, die essen Käse und es gibt Leute, die lieben Käse. Genauso ist es beim Wein. Wenn ich im Restaurant sitze und Menschen sehe, die eine Flasche Wein nach der anderen bestellen, dann denke ich mir, trinkt doch Cola, wenn ihr den Wein nicht genießen könnt.

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Für mich liegt die Erfüllung in der Wertschätzung aller kleinen Dinge. Ich bin allein hier in meinem Laden, habe keine Verantwortung für Mitarbeiter, außer für mich. Morgens ist es manchmal stressig, dafür habe ich am Nachmittag oft Gelegenheit zum Lesen, dann mache ich mir einen Kaffee, nehme mir ein bisschen Käse und genieße die Musik und vielleicht kommt noch einer meiner Kunden rein, der sich bei mir wohlfühlt und mir etwas Gutes zu erzählen hat. Vielleicht trinkt er auch einen Kaffee und kauft ein bisschen Käse, vielleicht aber auch nicht, das ist mir egal. Hier ist jeder willkommen, ob er etwas kauft oder nicht. Hier um die Ecke ist eine Musikakademie und morgens kommen oft einige Musiker her, die sich aufwärmen möchten bevor die Tore der Akademie geöffnet haben. Die bestellen nie etwas, aber ich mag es, wenn ihre Instrumente im Laden herumstehen, die Geigen, einer hat auch ein Saxophon.

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Und so erzählt Tonton weiter, völlig im Reinen mit seiner Welt und überträgt jeden Funken seiner Zufriedenheit über die Liebe mit der er seine Baguettes macht, den Saft presst und die vielen Honigsorten anpreist, die in wundervollen Gläsern im ganzen Laden herumstehen, an seine Kunden und Freunde. Nach einer knappen Stunde verlasse ich den Laden wieder, Fotos dürfe ich gern machen, nur wiederkommen solle ich unbedingt. Und wenn es mich noch einmal nach Brüssel verschlägt, werde ich das mit Sicherheit tun. Denn Tonton Garby shows you the way!

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