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Vor fast einem Monat standen wir in unserem letzten Stau. Da waren wir bereits kurz vor Paderborn auf der A44 Richtung Kassel. Wir schlängelten uns auf dem Standstreifen an ein paar Autos vorbei, um an einer Raststätte ein letztes Mal mein kleines Schlachtross vollzutanken und einen Kaffee zu trinken. Eigentlich waren mein Bodyguard Ray und ich kaum noch ansprechbar. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits knapp 30 Stunden Fahrt hinter uns. Wir waren am Morgen des Vortages in Barcelona losgefahren, hatten es bis kurz nach Lyon geschafft, wo wir an einem Rasthof ein paar Stunden im Auto schliefen und sind dann am Morgen über die Grenze nach Deutschland.

Jetzt an dieser Tankstelle kurz vor der A33 versuchten wir eine kleine Bilanz zu ziehen:

  • ca. 3700 gefahrene Kilometer
  • wir hatten mehr für Mautgebühren ausgegeben als für Sprit
  • wir hatten einen Campingstuhl und eine Luftmatratze im Gefecht zurücklassen müssen
  • wir hatten auf 6 Camping-Plätzen übernachtet
  • der günstigste Camping-Platz (8 Euro pro Person/Nacht) war der beste
  • ca. 15 Liter Wein, 1 1/2 Flaschen Rum, ca. 3 Liter Cava, ca. 50 Flaschen/Dosen Bier, 1 Glas Pastis
  • Eine Familienpackung Instant-Kaffee
  • 1000 Fotos auf meiner SD-Karte
  • Insgesamt etwa 30 Stunden Schlaf pro Person in 14 tagen

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I. Interior

Wie einige von euch mitbekommen haben, war ich die letzten beiden Wochen mit meinem Auto in Südfrankreich und Spanien unterwegs. Neben meiner Sucht nach Meer und Bewegung ist während dieser Zeit auch deutlich geworden, dass die Fotografie mittlerweile aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken ist.

Neben dem Fakt, dass meine Kamera fast zwei Wochen über meiner Schulter hing und ich die kleinen Küstenstraßen kurz und klein fotografiert habe, wurde meine Zeit unterwegs auch vom Nachdenken über Fotografie bestimmt – Fotografinnen und Fotografen, Shooting Ideen, Models, Mode, alles ging mir durch den Kopf. Wie es dann der Zufall will, betrete ich während eines Stops in Aix en Provence einen kleinen Buchladen, um nach einem kleinen Wörterbuch zu schauen und entdecke im Vorbeigehen auf einem Tisch die Bände „Early Black and White“ von Saul Leiter, die ich schon in Deutschland sehnsüchtig erwartet hatte, seit sie im letzten Jahr angekündigt wurden. Saul Leiters Veröffentlichung „Early Color“ ist mein liebstes Street Fotografie Buch und ein kleines Kunstwerk für sich.

Ich konnte einfach nicht widerstehen. Der Doppelband wanderte in meinen Rucksack und begleitete mich fortan auf meiner Reise. In Cafés und Restaurants, auf Parkbänken und Campingstühlen, auch im Zelt beim Licht meiner Taschenlampe und im Auto, während dicke Regentropfen auf das Fenster schlugen, das Buch gehört für mich zu den letzten zwei Wochen wie die Fotos, die ich selbst geschossen habe. (mehr …)

Es war im Winter. Zumindest glaube ich das. Eigentlich war es ziemlich warm für einen Wintertag, aber in meiner Erinnerung tragen sie alle Mäntel und Mützen.

Vielleicht war es auch im Herbst, aber ich komme schon wieder vom Thema ab. Es war der Tag, an dem ich beschloss, die Stadt zu verlassen. Verbrannte Erde gab es zwar noch keine, die Luft wurde jedoch langsam dünn und mir blieb eigentlich keine Wahl.

Meine Flucht hatte ich am Wochenende davor säuberlich geplant. Wenn der Moment kommen sollte, hatte ich nur noch mein Konto aufzulösen und zwei größere Möbelstücke zu verkaufen. Viel mehr besaß ich nicht und die Kontoauflösung würde die lächerlichste Auflösung in der Geschichte der Stadtbank Bielefeld werden. Nichtsdestotrotz spazierte ich an diesem Tag in die frisch renovierten Räumlichkeiten der Hauptstelle in der Nähe vom Jahnplatz und setzte mich mit zwei Reisetaschen und einer Tüte voller Dokumente in den Wartebereich, auf die jemand den Bundesadler gedruckt hatte. Die Bahnhofsuhr über der großen Empfangshalle zeigte sechzehn Uhr an. Ich schwitzte. Aus Platzmangel hatte ich drei Lagen Kleidung übereinander angezogen und trug über meinem Wintermantel noch eine Packerweste. Es war mir zu müßig, mich aus den einzelnen Lagen zu pellen, also versuchte ich still zu sitzen und über die Atmung den Schweiß in den Griff zu kriegen.

Ich blickte in die Tüte mit den Dokumenten. Kontoauszüge, Überweisungsträger, Anschreiben – mein Reisepass drückte an einer Stelle durch das Plastik und bedrohte die Gesamtstatik. Ich zog ihn heraus und schaute mir das Foto an, das wohl mich zeigte. Mit vollem, kurzem Haar und Wangenknochen. Ich erinnerte mich an das Fotostudio, in dem ich das Bild hatte machen lassen, als ich hergezogen war und wie ich mir seither jeden Abend die Bilder im Schaufenster dort angesehen hatte auf dem Weg in meine Wohnung. Nackte Allerweltsgesichter in hellen Lichtkegeln.

Ich steckte den Pass in meine Brusttasche und schaute wieder auf die Uhr. Fünf Minuten waren vergangen. Um halb fünf würden sie den Laden schließen. Die arme Sau von Berater, die mich erwischen würde. Auf den Stühlen in meiner Nähe saßen noch sieben weitere Kunden. Ich hatte also noch etwas Zeit. Das mit dem Schweiß hatte ich langsam unter Kontrolle, zumindest was den Nachschub anging. Hoffentlich setzt sich niemand direkt neben mich, dachte ich, und legte meine Aktentüte auf den Stuhl rechts von mir. Ich musste an den Morgen denken. An das Frühstück mit Clara. An das kleine Geschenk, dass sie mir selbst eingepackt hatte. Es muss also doch Winter gewesen sein, Geschenke macht man nicht im Herbst. Es sei denn man hat im Herbst Geburtstag, aber meiner ist im Mai. Das Geschenk hatte Clara in zwei Lagen dunkelblaues Glanzpapier gewickelt gehabt. Mach es auf, sagte sie mit einer Kaffeetasse in der Hand, auf der ein Logo einer Kaffeesorte zu sehen war. Wir hatten uns etwa einen Monat nicht gesehen, seid sie bei mir ausgezogen war. Sie lächelte, als wäre als das nicht passiert. Doch ihr Lächeln funktionierte nicht mehr so wie früher. Ich konnte es abwehren. Vielleicht zum ersten Mal. Später, sagte ich und steckte das Geschenk in den Mantel, den ich über den freien Stuhl an unserem Tisch geworfen hatte. Man hörte das Papier knicken und ich drückte fest zu, als ich es in die Manteltasche stopfte. Ihr Lächeln blieb eisern, wie du willst, sagte sie.

Um uns herum saßen junge Menschen, die von all dem nichts wussten. So wie niemand, der jung ist, von etwas weis, das um ihn vorgeht. Sie tranken Orangensaft und Wasser aus Weingläsern und lösten sich in wichtigen Gesprächen auf. Was hast du geplant für die Feiertage, fragte Clara. Werd einen Freund besuchen, sagte ich. Würde ich aber nicht. So, sagte Clara und lächelte weiter. Werde wohl erst im neuen Jahr wieder hier sein, sagte ich. Clara lächelte und blickte zur Theke, wo ein junger Asiate an der Kaffeemaschine eingewiesen wurde. Es sah aus wie eine Führerscheinprüfung.

Clara kochte nie Kaffee. Clara konnte nicht kochen. Clara war vierundfünfzig. Ich konnte auch nicht kochen, aber ich bekam einen halbwegs akzeptablen Kaffee hin.

Stille an unserem Tisch. Clara rührte in ihrem Kaffee. Ich hörte den beiden Frauen am Nebentisch zu. Beste Freundinnen, die sich einmal im Jahr treffen und dann alle Gesprächsthemen nacheinander durchgehen, ohne müde zu werden. Mittlerweile waren sie zu Sekt übergegangen. Eigentlich hörte jede von ihnen nur sich selbst zu. Die eine von ihnen hörte mit aufgestütztem Kopf zu, wie die andere von ihrem Studium oder irgendeinem Kerl erzählte, und umgekehrt. Ich begann, die nervigere von beiden anzustarren. Sie war gerade die Empfängerin und und nickte angestrengt mit Ihrem Kinn in ihrer Handfläche. Sie nickte. Und brummte. Hmmhhh. Und nickte. Mmmmhmmm. Mir stellten sich die Nackenhaare hoch. Also bitte, stotterte Clara, die meinen Blick bemerkt hatte. Aber ich starrte weiter das Mädchen an. Sie nahm mich überhaupt nicht wahr, nichts konnte sie von ihrem Gespräch ablenken. Hörrr auf!, sagte Clara, mit leiser aber strenger Stimme und dann blickte das Mädchen doch in meine Richtung und unsere Blicke trafen sich.

Sie wurde verlegen und nahm den Kopf aus ihrer Hand und versuchte, mich zu ignorieren und selbst mit dem Gespräch weiter zu machen und ich hörte nicht auf sie anzustarren und es wurde ihr sichtlich unangenehm und ihre Freundin merkte, was mit ihr nicht stimmte und ihre Freundin starrte widerum mich an und blaffte mit Kaffeemund, was willst du Alter, und ich hörte nicht auf zu starren und Clara versuchte mit ihrer Hand mein Gesicht abzuwenden und redete auf die Mädchen ein, immer noch mit ruhiger Stimme, dass ich eine schwere Zeit hätte und dass ich etwas durcheinander wäre, und das zweite Mädchen blickte mich abfällig an und sagte zu Clara, sie solle besser auf mich aufpassen, jemand anderes könnte das falsch verstehen, ja, sagte Clara, Entschuldigung, sagte Clara, und ich blickte weiter in das Gesicht des Mädchens und plötzlich kam der junge Asiate, der jetzt einen Block in der Hand hielt statt der Eingeweide der Kaffeemaschine, alles in Ordnung hier, fragte der Asiate, alles bestens, sagte ich so psychopathisch wie es meine Vorstellung zu ließ, und ein Mann vom Nebentisch, der das Ganze verfolgt hatte, stand auf und baute sich vor mir auf, alles ok hier, fragte er, ja, nichts was dich angehen würde, sagte ich, immer noch in meiner wahnsinnigen Tonlage, und der Typ packte mich am Arm und der Asiate lief in die Küche und der Typ drückte seine langen Pranken in meinen Oberarm und dann stand ich selbst auf und blickte dem Typen ins Gesicht, der rechtschaffene Typ, der noch nie einen Schlag eingesteckt hatte in seinem Leben, und die Mädchen nahmen ihre Handtaschen und ihre Mäntel und gingen zur Theke rüber, Clara legte ihr Gesicht in die Handflächen und ich bekam nichts mehr von ihr mit und dann kam der Koch aus dem hinteren Teil des Cafés und baute sich auch neben mir auf und packte meinen anderen Arm und wirkte souverän und redete souverän, alles in Ordnung, sagte der Koch, seine Schürze war blütenweiß, sie werden dieses Café jetzt verlassen, sagte der Koch, wir wollen keinen Ärger, sagte der Typ, keinen Ärger, sagte der Koch und dann ließ ich sie machen und sie schleppten mich auf den Gehweg, vorbei an den rechtschaffenen jungen Gesichtern eines Samstag Morgens in der Provinz und sie holten meinen Mantel und warfen ihn vor mir auf die Straße und ich hörte, wie Claras Geschenk in der Manteltasche auf dem Beton aufschlug und sah in das Café und sah wie Clara ihren Kram packte und den anderen Ausgang nahm und das war das letzte Mal, dass ich Clara gesehen habe.

Im sterilen Licht der Neonröhren sah Engler mich verwundert an. »Du hast aber auch schon bessere Tage gesehen!« Er war in der hinteren Ecke angekommen, wo er einen kleinen Packtisch und einen wackeligen Plastikstuhl aufgestellt hatte. Daneben stand ein Stapel von sieben abgenutzten Ananas-Kisten, randvoll mit der Hinterlassenschaft des fremden Lehrers oder Professors. Über dem Tisch ragte eine schirmlose Wandlampe in den Raum, die er mit einem Zug an einer dreckigen Strippe zum leuchten brachte. »Lass dir Zeit. Ich setz gleich Kaffee auf, wenn du was willst, spül dir ‘ne Tasse ab!« Engler schlurfte durch die Gänge zurück zur Tür und schaltete die großen Lichter aus, so dass die kleine Ecke mit dem von der schwachen Glühbirne beleuchteten Packtisch von tiefem Schwarz umschlossen wurde. Dann verschwand er wieder im Vorraum, wo er in seinem Büro verfolgte, ob jemand etwas in seinem Amazon-Shop kaufte, dabei wässrigen Kaffee trank und dicke Mettwürste kaute.

Die wiedergewonnene Einsamkeit legte ihren dumpfen Schleier um meine Brust. Das Licht der Glühbirne hatte mich so geblendet, dass ich Engler beim Rausgehen in eine rot und violet wabernden Wolke hatte eintauchen sehen. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Lichtverhältnisse, während ich meinen Rucksack an die Wand lehnte, ein Notizbuch aus der Seitentasche zog und es auf den kleinen Packtisch warf. Als ich mit meinen Händen die Abdeckung der obersten Kiste umfasste, fiel mein Blick auf meine dreckigen Fingernägel. Ich ließ sofort von dem Karton ab und musterte meine Handflächen. Meine Kopf-, Herz- und Lebenslinien waren zu schwarz eingezeichneten Grenzen auf der Karte meiner zurückliegenden Reise geworden. Ich tastete mich in der Dunkelheit zu einem Waschbecken, wo ich mir mit Industrieseife die Hände einrieb, dabei ließ ich das Wasser laufen und genoss die kleinen Sandsteine auf der tauben Haut. Vor dem Scheunentor fuhr ein schwerer Lastwagen an der Hofeinfahrt vorüber. Man hörte Engler im Nebenraum aufgeregt telefonieren, immer wieder unterbrochen von eruptionsartigen Lachern, die im selben Moment wieder erstickten.

Ich blickte zu dem Stapel Bücherkisten. Neue Bücher waren eigentlich das Letzte, was ich gerade gebrauchen konnte. Nachdem ich die Hände an meinem Hemd abgetrocknet hatte, hob ich trotzdem die erste Kiste auf den Tisch und nahm den Deckel ab. Ich spürte, wie sich mein Gesicht zu so etwas wie Heiterkeit verzog, als ich das oberste Buch mit einer Hand befühlte. Es war “The Sun Also Rises” von Ernest Hemingway in der britischen Edition unter dem Titel “Fiesta”. Ich erinnerte mich an die ersten Seiten des Romans, an die Zeit in der ich es gelesen hatte, nachdem ich zuvor auf einem der Märkte bei Engler “A Moveable Feast” erstanden und an einem Abend durchgelesen hatte. Meine Hemingway-Phase lag Jahre zurück und trotzdem erfüllte mich der Gedanke an diesen Abschnitt meines Lebens mit wohltuender Wehmut. Man merkte dem Buch an, dass es mehrmals gelesen worden war. Die Kanten des Taschenbuchs aus dem Jahr 1967 waren weißgrau aufgebrochen, der Schnitt vergilbt und der Buchrücken wies fast so viele Knicke auf, wie das Buch Seiten hatte. Ich blätterte zum Schmutztitel. An der oberen Kante hatte jemand etwas mit blauer Tinte eingetragen. “K.H. Mehring”, stand dort, “Tropea, Süditalien, 1969.”

Ich freute mich über diesen Eintrag aus einer vergangenen Zeit und einem vergangenen Leben. Bücher, die nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern auch eine haben, waren mir schon immer lieber gewesen, als die druckfrischen Ausgaben, die es in Buchhandlungen zu kaufen gibt. Ich hatte hunderte solcher Bücher in meiner Wohnung liegen, die noch genau so aussahen, wie an dem Tag, als ich sie gekauft hatte.

Die abgegriffenen, etwas müffig riechenden Ausgaben, die ich aus Obstkisten auf Trödelmärkten fischen konnte, waren mir immer schon lieber gewesen. Nichts strahlt mehr untertriebene Coolness aus, als eine abgegriffene Ausgabe von Murakamis „Wind-Up Bird Chronicle“ auf dem Tisch einer 25jährigen Studentin, die den Nachmittag mit Milchkaffee und ein paar Bier vor einem Café in der Stadt vertrödelt.

Lesen war für mich ein Handwerk, das den Handwerker nach getaner Arbeit mit stolz erfüllen sollte. Das Buch, meine Augen, die Fähigkeit zu lesen, all das waren Werkzeuge, mit denen ich geistige Landschaften in meinem Kopf entstehen ließ. Das Werkzeug soll dann auch ruhig aussehen, als wenn es gewissenhaft benutzt wurde. Und Dinge an denen sich schon jemand anders versucht hatte, reizten mich besonders. Ich legte den Hemingway zu meinem Notizbuch und krempelte mir die Ärmel hoch. Auch die nächsten Bücher waren mir nur allzu bekannt. Großteils amerikanische Autoren aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Fitzgerald, Faulkner, Hemingway, Steinbeck, Miller, die üblichen Unverdächtigen. Aber auch Sinclair Lewis, Ezra Pound und Sherwood Anderson waren darunter. Ich schaute in jedem Buch nach den handschriftlichen Eintragungen auf dem Schmutztitel, die in keiner Ausgabe fehlten. Im Gegenteil, in manchen Büchern waren neben Ort und Jahr auch noch einige Notizen zu finden, die sich manchmal bis zum Seitenende ausdehnten. Als ich am Boden des ersten Kartons angelangt war, hatte ich drei Bücher zur Seite gelegt, neben Hemingway noch “This Side Of Paradise” von Fitzgerald und “Selected Poetry” von Pound, die beide einen langen, in hastiger Schrift verfassten Eintrag auf der ersten Seite aufwiesen, den ich später lesen wollte.

Doch was viel verwunderlicher war als diese Eintragungen, war die Tatsache, dass ich jedes einzelne der 27 Bücher aus dem ersten Karton bereits kannte und sogar gelesen, ja auch noch jedes der 27 Exemplare selbst in meinem Bücherschrank stehen hatte. Diese Überschneidung der Lesegewohnheiten machte mich gespannt auf die nächsten Obstkisten. Die durchgesehene odnete ich derweil wieder ein wenig, verschloss sie und stellte sie auf den Boden, wo ich sie mit dem Fuß an die Wand neben meinen Rucksack schob. Ich befühlte Buch um Buch, Kiste um Kiste, und plötzlich war er wieder da, für einen kurzen Moment befand ich mich in einem Rausch, dem Erhofften nicht unähnlichen, aber mit zunehmendem Unbehagen behafteten Rausch. Nach jedem Buch, jeder Kiste wurde ich langsamer und erlangte schon vor dem letzten Karton die Gewissheit, dass hier jemand ein übles Spiel mit mir zu treiben schien. Ich wollte umgehend zu Engler rennen, der sich ohne Zweifel einen dunklen Spaß mit mir erlaubt hatte.

Es ist der fette Junge, der dich vom unteren Ende der Wippe angrinst. Mit schimmeligen Lachsalven dirigiert er die hilflosen Schwünge deiner Beine im Nichts. Er ist der Rausch, der dich aus der Wirklichkeit hebelt. Das Rauschen, das sich über alles legt, dich im grauen Rhythmus der Wiederholung von einem Halbmond zum nächsten wiegt.

Doch irgendwann gerätst du aus dem Takt. Deine Welt beginnt zu springen, Endlosschleifen in der Nacht. Dann wünschst du dir diesen Jungen zurück, diese Falltür aus der Realität, und merkst, dass er für immer fort und die Suche vergeblich ist.

Ein Traum (vor New York): Ich stehe im obersten Stock eines der höchsten New Yorker Hochhäuser und starre aus dem Fenster über die Stadt. Der Fußboden ist bedeckt von aufgeschlagenen, wild über- und durcheinander geworfenen Ordnern. In keinem Dieser Ordner könnte man auch nur ein weiteres Blatt abheften, so sehr platzen sie schon aus ihren Nähten. Sie sind voll von beschriebenen Blättern, manche von diesen Blättern sind so klein beschrieben, dass man kaum noch weiße Stellen darauf entdeckt. Zwischen den Ordnern liegt eine braune abgewetzte Ledertasche von einer italienischen Marke, die ich nicht genau entziffern kann. Die Tasche scheint leer zu sein, doch in meinem Traum werfe ich nur einen kurzen Blick auf sie. Die Wände hinter und neben mir sind dunkel und nicht zu erkennen, vor allem was hinter meinem Rücken liegt ist verschwommen, bis auf eine große schwarze Tür am anderen Ende des Raumes hinter meiner linken Schulter. Der Duft von antikem Holz und neuem Leder liegt wie ein unsichtbarer Nebel in der Luft. Doch das alles ist nur eine Momentaufnahme, vielleicht eine Sekunde meines Traumes.
Im nächsten Moment gerät das komplette Gebäude aus den Fugen. Ohne jegliches Geräusch scheint der gesamte Wolkenkratzer wie ein gewaltiger Dominostein vornüber zu kippen. Ich kann meinen Blick nicht dem Fenster abwenden. Ich erkenne bald, dass die unteren Stockwerke von diesem Treiben gänzlich unbetroffen sind. Das Gebäude verneigt sich vor der erdrückenden Wand der anderen Mauerwerke der Stadt. Ich falle direkt auf die Fensterscheiben die jetzt nicht mehr vor mir, sondern unter mir liegen und werde von der Masse der mich begrabenden Ordner an das Glas gepresst. Langsam und doch unaufhaltsam nähert sich mein Stockwerk dem Asphalt einer ausgestorbenen Hauptstraße der New Yorker Innenstadt. Etwa zehn Meter bevor ich mit dem Fenster auf die Straße treffe, beginnt das Glas unter mir ohrenbetäubend zu knacken, außer diesem Knacken, kommt in diesem Traum bis zu diesem Zeitpunkt kein einziges Geräusch vor. Es wird innerhalb weniger Sekunden so laut, das ich meine Hände von der Scheibe nehme um mir die Ohren zuzuhalten. In diesem Moment splittert die Scheibe unter mir. Erschrocken versuche ich mir Halt zu verschaffen, doch meine Hände greifen ins Leere. Stille kehrt ein. Ich sehe wie die Scherben geräuschlos auf der Straße zerschellen. Einige Sekunden vergehen. Unter mir ist nichts was mich eigentlich halten könnte, doch ich stürze nicht gen Asphalt. Einer der Ordner streift schmerzhaft meinen Hinterkopf und fällt dann mit einer Wucht zu Boden, als wäre er aus hundert Metern gefallen. Die Blätter wirbeln kurz auf und segeln dann zu Boden. Diesem Ordner folgen auch die anderen. Es sind Unmengen. Auf dem Boden des Büros war mir nicht aufgefallen wie viele es wirklich wahren. Erdrutschartig gehen sie alle zu Boden und eine enorme Wolke bekritzelter Blätter steigt auf. All dies geht ohne jegliches Geräusch vor sich. Die Blätter scheinen die ganze Stadt zu bedecken. Ich schaue nach rechts und links die Straße entlang und kann über hunderte von Metern keinen Flecken Asphalt erkennen. Fasziniert von diesem schwarz-weißen Meer bemerke ich erst nicht, dass die Tür hinter meinem Rücken nun offen steht. Sie wiegt in den Angeln hin und her und der Türknauf stößt bei jedem Schwung gegen die Wand, so dass er ein dumpfes, unrhythmisches Klopfen verursacht. Nach einer Zeit, die mir im Traum wie eine Ewigkeit vorkommt blicke ich über meine Schulter nach oben und sehe die offene Tür. Ich versuche mich umzudrehen und das über mir liegende Bein meines Schreibtisches zu greifen, doch da ich mit meinen Füßen keinen Halt finde, kann ich es nicht erreichen. Das Gebäude beginnt sich zurück in seine ursprüngliche Position aufzurichten. Nun fühlt es sich an als würde ich aus dem Fenster stürzen, doch es kommt mir nur so vor, da es sich von mir entfernt und ich bleibe einfach wie schwerelos in der Luft hängen.