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20:21 Uhr

Seit Tagen trage ich diesen Beitrag in meinem Kopf durch die Straßen. Die Worte kommen und gehen, türmen sich auf und zerfließen wieder in Buchstabensuppe. Erst heute scheinen sich daraus Sätze zu formen, obwohl es mir immer noch schwer fällt zu formulieren, was mich in den letzten Wochen umtreibt. Warum ich mich jetzt doch hinsetze und anfange zu tippen, liegt an vier Zufällen und zwei Gläsern Rum. Hier die Zufälle:

  1. Gestern hat meine IBM Selectric nach zehn Jahren feiner Arbeit ihren Geist aufgegeben und es findet sich niemand, der sie mir günstig reparieren könnte.
  2. Ich musste mich heute um die Verbindungen auf meinen nächsten Geschäftsreisen kümmern, Termine legen, Tickets und Autos buchen.
  3. Ich bin heute durch einen Zufall wieder auf das Holstee Manifesto gestoßen und der erste Satz “This is your LIFE.” blieb mir den ganzen Nachmittag und Abend im Kopf.
  4. Durch einen Tweet von Steffen Meier bin ich vor etwa einer Stunde auf einen Beitrag von Petra van Cronenburg gestoßen.

Diese vier Zufälle stehen auf den ersten Blick in keiner Relation zueinander. Für mich sind sie jedoch Ausdruck und Kommentar einer Haltung meines Lebens mir gegenüber, die sich auf den vergangenen Reisen und Nicht-Reisen begonnen hat, vor mir aufzubauen. Eine Haltung, die mich herauszufordern scheint und sich mir wie eine Wand in den Weg stellt, eine vollgepisste Wand, wohlgemerkt.

Es ist das zunehmende Gefühl, meine Wurzeln über der Erde wachsen und vertrocknen zu sehen. Kein Heimatgefühl mehr zu verspüren, auch wenn das für echte Weltreisende wie ein müder Witz aus meinem Mund erscheinen muss. Durch das Netz gleicht sich meine Umwelt an all den Orten, durch die ich fahre, an denen ich übernachte, wo ich in Coffee Shops sitze, Vorträge halte, Kunden besuche und einkaufe. Überall sind Facebook, Twitter und RSS-Feeds dieselben wie an meinem Rechner daheim. Überall dieselben Stimmen, wenn ich Feierabend habe und mich mit meinem Laptop neben einen schwarzen Kaffee setze. Ich befeuere die Eintönigkeit dann noch mit stumpfen Ritualen, indem ich mir zum Beispiel Zimmer bei kargen Hotelketten wie “Motel One” buche, um die Sicherheit zu haben, abends in ein gewohntes Umfeld “heimzukehren”. Ich hasse den Kaffee bei Starbucks und doch sitze ich jeden Abend in einem dieser durchgefurzten Sessel und trinke schlechten Kaffee, weil ich wenigstens weiß, wie schlecht der Kaffee ist. Und sie kriegen es hin, dass der Kaffee immer gleich schlecht ist und wieder habe ich mir ein wenig Konstanz in meinem Leben geschaffen. Noch vor einem halben Jahr habe ich viel Zeit damit verbracht, mir tolle Hotels mit möglichst viel Charme und Charakter bei HRS zu buchen: Berlin, Freiburg, Bodensee, München, Sinsheim, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Nürnberg, jede Übernachtung ein neues Abenteuer. Mittlerweile geht es mir nur noch um möglichst kurze Entfernungen und Routine. Auch mein geliebtes Reisefieber ist weg. Die Rastlosigkeit steht allerdings weiterhin auf einem anderen Display.

20:49 Uhr

Und trotzdem hat sich nicht viel geändert. Die Welt, in die ich mich zurückgezogen habe, trage ich ständig mit mir herum. Und das nicht erst, seit gute Freunde von mir zum Arbeiten ins Ausland gezogen und mein Handy smart geworden ist. Seit Drei Wochen steht eine gute Flasche Rum in meinem Abstellraum, die ich mit einem engen Kumpel bei einem guten Film aufmachen möchte und ich kann jetzt schon sagen, dass das bis Dezember oder nächstes Jahr nichts mehr wird. Stattdessen kenne ich aber die Blogs und Twitter-Accounts vieler Leute bald auswendig. Mein RSS Reeder ist immer bei der Hand, auch wenn ich nur vier Minuten habe, während ich auf eine Straßenbahn warte, die mich durch Straßen fährt, die ich noch nie gesehen habe, denen ich jedoch auch keine Aufmerksamkeit mehr schenke, weil mein Blick auf meinem Handydisplay festfriert.

Nicht, dass mir das nicht gefallen würde. Es ist Teil meines Alltags geworden. Doch eigentlich bin ich eher ein analoger Mensch, der im Netz über handfeste Dinge sprechen Möchte. Bücher, Schreibmaschinen, Konzerte, Musik und alles was mir gerade nach dem dritten Glas Rum nicht mehr einfallen will. Wen ich bei Twitter mag, versuche ich perönlich kennenzulernen, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Viele tolle Menschen bereichern durch Social Media meine Wahrnehmung.

21:13 Uhr

Bis vor drei Jahren habe ich noch zwei private Blogs unter Pseudonym gepflegt, die ich dazu genutzt habe, über Leute aus dem “First Life” abzuledern. Alles, was mir gegen den Strich gegangen ist, hab ich ungefiltert (naja, durch Pseudonyme dann wohl eher vollständig gefiltert) ins Netz rausgeblasen. Fast jeden Tag habe ich meinem Ärger Luft gemacht. Heutzutage gäbe es mehr Grund zu wettern, als je zuvor. Auf Twitter und bei facebook kriegt man teilweise die Krise und möchte sich abmelden, nur um nicht mit manchen dieser Leute in Verbindung gebracht zu werden. Ignorieren fast unmöglich und vorknöpfen will man sich ja auch niemanden, der nächste Shitstorm wartet und Trolle wachsen im Schatten des eigenen Karmas. Der Klout Score braucht noch ein Pendant. Einen Negativ-Klout. Wie viele Leute, die ich erreiche, scheißen auf mich? Wie viele Leser finden meine Beiträge zum kotzen und mich als Person bestenfalls unsympathisch?

Frau van Cronenburg hat schon recht, wenn sie über den Crash von Twitter spricht. Die Timeline wird mittlerweile bestimmt durch gegenseitige Beweihräucherungen, Werbung oder halbcoole Pseudo-Grenzüberschreitungen von bürgerlich aufgewachsenen Langweilern. Da kenn ich mich aus, ich gehör dazu. Generell klammere ich mich selbst überhaupt nicht aus. Ich wäre wahrscheinlich einer der ersten, dem ich einen üblen Beitrag widmen würde. Eine weitere Tonart in dem undefinierbaren Rauschen da draußen, das ja ständig schlimmer und nicht besser wird. Wo sind die Leute, die mit leiser Stimme lautes sagen? Die haben einen Klout Score von 15 und kämpfen um jeden Leserkommentar, während bei jedem stumpfen Schwachsinn applaudiert wird, als gäbe es was zu gewinnen.

22:01 Uhr

Vielleicht sollte ich aus diesem Beitrag jetzt sofort einen Live-Blog machen. Sonst laufe ich nämlich Gefahr, nachher alles zu löschen, ohne es zu veröffentlichen. Im Gegensatz zu anderen Menschen werde ich zwar auch bei zunehmendem Alkoholpegel mutiger, aber letztlich auch entscheidungsunfreudiger. Ach das mach ich jetzt einfach.

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