Das gute an einer affektiven Störung sind die Ungewöhnlichen Drangphasen. Ungewöhnlich vor allem wegen der Uhrzeit, an der sie ausbrechen. So schläft man gerne unter der Woche um 17:30 Uhr bittermüde ein, um um 1:30 Uhr grausam wach das Licht wieder anzuknipsen. Diese Nächte der Einsam- und Schlaflosigkeit dienen sich hervorragend zur Entdeckung unbekannter Film- und Buchuniversen, zuletzt die Bücher von John Fante und in der vergangenen Woche der Film Drive, der am 26.1.12 in die deutschen Kinos kam. Bei Ryan Gosling ist es ja immer so eine Sache. Hit or Miss könnte man sagen. Aber wenn er sich nicht entspannten Chick Flicks widmet, haut er auch gerne mal richtige Filmknaller raus (Half Nelson ist ein älteres Beispiel).

Drive gehört ebenfalls zu diesen Filmen, die einen ganz unerwartet begeistern und in meinem Fall durch eine schlaflose Nacht tragen. Es ist der erste in Hollywood gedrehte Film des Dänen Nicolas Winding Refn, der dafür in Cannes einen Preis als bester Regisseur bekam. Viele, die ihn für seine europäischen Filme hochgelobt hatten, befürchteten bei Drive, dass sich Winding Refn an die Konventionen und Zwänge des Hollywood Kinos halten und so seinen ganz eigenen Charme verlieren würde. Dem war nicht so und der als Neo-Noir kategorisierte Film ist bei Kritik und Publikum ein großer Erfolg.

Doch worum geht es bei Drive? Ein stets “Driver” genannter Automechaniker und Stuntman, gespielt von Gosling, verdient sich etwas dazu, indem er Nachts als Fluchtwagenfahrer bei Raubüberfällen agiert. Die Regeln für seine Klienten sind klar, der Driver drückt sich auch nicht umständlich aus. Generell verliert die Hauptfigur keinen Satz zu viel, Gosling macht das wirklich gut, mit einer angenehm nüchternen Zurückhaltung. Bei einem seiner Coups, in den ihn eine enge Verbindung mit seiner Nachbarin (Carey Mulligan) verwickelt hat, geht etwas schief und seine gesamte Welt verzerrt. Die äußeren Umstände treiben auch ihn zum Äußersten und alte Verbindungen werden ihm zum Verhängnis.

Obwohl der Film extrem spannend ist, sollte man keinen Action-Film erwarten. Viele der Zuschauer, die dem Film weniger gute Bewertungen geben, waren von Auto-Action a la Fast and the Furious ausgegangen und wurden leider enttäuscht.

Denn so platt die Story auch klingen mag, schafft der Regisseur es, ein kleines Kunstwerk aus diesem Film zu machen,

was nicht zuletzt an wunderschönen Nachtfahrten und Motiven liegt. Ganz besonders muss man hier auch die Wahl des Soundtracks hervorheben, der der düstere Stimmung ihre passende bittersüße 80er Melancholie verleiht. Wer also plant, im Januar ins Kino zu gehen, sollte auch Drive auf dem Zettel haben. Keine leichte Kost, vor allem nichts für Zartbesaitete. Aber definitiv eine Empfehlung von mir!