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Mein Bodyguard Ray hatte, wie an den Tagen zuvor, die Dauer einer Zigarette damit verbracht, der Rezeptionistin zwei Tassen Kaffee vom Buffet abzuschwatzen.

Ich wurde wach, als ich ihn auf dem Flur wanken hörte und machte mir Sorgen um das Porzellan. Er balancierte die beiden Tassen ins Zimmer und man konnte nicht mehr erkennen, ob man aus der Tasse oder aus der Untertasse trinken sollte. Beides funktionierte ohne Probleme. Irgendwas hatte mir am Vortag den Magen verätzt, ich wusste nicht, ob es der Rum oder das zähe Fleisch gewesen sein mochte. Also warf ich mir zwei Magentabletten ein und spülte sie mit dem kalten Kaffee von der Untertasse runter. „Wann wollen wir los?“, fragte Ray. „Gib mir zehn Minuten“, sagte ich und begann mich anzuziehen. Obwohl wir diesen Tag seit fünf Jahren herbeisehnten, hatten wir keinerlei Vorbereitungen getroffen, außer eine teure Flasche Rum zu kaufen. Ich steckte die Flasche in den Rucksack und packte meine Kamera dazu. Dann versuchten wir ein wenig Ordnung für die Putzfrau zu schaffen und versteckten den restlichen Alkohol für den Abend im Wandschrank.

Wir waren kaum losgelaufen, da vielen die ersten Schweißtropfen von Ray’s Glatze. Es waren keine Wolken zu sehen und die Sonne brannte uns in den Nacken. Wir beschlossen, schon am Place de la Republique einen Halt einzulegen, um uns mit einem kühlen Bier auf Temperatur zu bringen. Die Kellnerin ignorierte uns eine gute Viertelstunde und brachte uns danach ein abgestandenes Französisches, das wir gierig austranken. Für die Pariser war es ein normaler Arbeitstag und die Stimmung gegenüber den Touristen war vielleicht noch etwas gleichgültiger als an den Tagen zuvor. Nachdem wir gezahlt hatten, zeichneten wir den Weg zum Friedhof in unsere Karte ein und bereiteten uns auf einen langen Marsch vor.

Es gab kaum einen Rum, der uns ohne Eis so runter ging

Der Friedhof Père Lachaise wurde an diesem Morgen von einem großen Trödelmarkt eingeschnürt, der die Friedhofsmauern verdeckte und die Totenruhe für einen Werktag suspendiert hatte. An einem der Stände verkauften sie gebratene Hähnchen und Bratkartoffeln in großen Schachteln zu zwei Euro. Wir ließen uns eine Portion einpacken und balancierten mit unseren Tüten an der Bordsteinkante zwischen Markt und Straße die Avenue hoch und suchten uns ein schattiges Plätzchen auf einer Bank, die zwischen hohen Bäumen einer Allee für uns bereit stand. Ray und ich platzierten die Schalen mit dem Essen zwischen uns und öffneten die Flasche Rum. Ich hatte sie zwei Wochen vor unserer Reise auf einer Webseite für kubanischen Rum bestellt und die ganzen drei Stunden im TGV von Frankfurt nach Paris mit meinen Stiefeln umklammert. Es war ein Rum der Sorte „Flüssiges Gold“ der Brennerei Caney. Wir gossen uns einen ein und betrachteten die braune Flüssigkeit, indem wir die Plastikbecher vor die Sonne hielten. Der erste Schluck fühlte sich an wie warmes Wasser und hinterließ kaum einen Nachgeschmack. Nach dem zweiten Schluck spürte ich, wie sich ein wärmendes Gefühl durch meinen Magen zog und ihn gleichzeitig beruhigte. „Das ist einer der besten bisher“, meinte Ray. Ich stimmte zu. Es gab kaum einen Rum, der uns ohne Eis so runter ging. Einige Pariser schlenderten mit ihren Einkäufen vom Markt an der Bank vorbei und ignorierten uns. Wir nahmen uns Zeit, aßen und tranken entspannt in der Mittagssonne und erinnerten uns an den Abend, an dem wir beschlossen hatten, am Grab von Jim Morrison mit einem guten Rum anzustoßen. Wir hatten ein gutes Viertel der Flasche getrunken, als wir unseren Müll zusammenkehrten und uns auf den Weg machten. Wir versteckten den Rum im Rucksack zogen los.

Wie eine Wanderdüne der Verachtung

Auf einer Tafel im Eingangsbereich des Friedhofsgeländes waren die ganzen Berühmtheiten verzeichnet. Das Grab von Morrison lag auf einem steilen Hügel, der uns mit seinem unebenen Pflaster noch einmal alles abverlangte und den Schweiß in die T-Shirts trieb. Dort angekommen, mussten wir den Grabstein jedoch erst einmal finden. Wir hatten beide eine ziemlich klar verklärte Vorstellung, wie das Grab aussehen würde. Bilder aus dem Netz und aus Filmen hatten uns das exakte Modell einer kommunenhaften Pilgerstätte vermittelt, die von Gleichgesinnten umringt, zur gemeinsamen Trauer in theatralischem Stil animierte. Das Grab war dann allerdings hinter einem winzig-kargen Mausoleum versteckt und von Absperrzäunen umringt, die einem die Sicht versperrten, es sei denn, man befand sich in einer der Gruppen, die gerade von einer hippen multilingualen Friedhofsführerinnen an das Gitter geführt wurden. Wir stellten uns ein paar Meter abseits des Spektakels auf und registrierten das demütigende Treiben:

Jim Morrison war Jahrzehnte nach seinem Tod zu einem Programmpunkt einer Führung geworden, die alle Menschlichkeit entbehrte. Die Gruppen, die dort alle fünf Minuten aufschlugen, um wie wild Fotos zu knipsen und sich über die obligatorische Jack Daniel`s Flasche auf dem Grabstein mit bürgerlicher Jovialität zu amüsieren, wurden allesamt im Vorraum der Hölle gecastet. Da war zum Beispiel die Gruppe mit schwedischen Rentnerinnen, die, in alterstypisches Sandfarben-Camouflage gehüllt, die Grabstätte umspülten wie eine Wanderdüne der Verachtung eines ihnen fremden Lebensstils. Oder die italienischen Fußballjungs, die nur den fetten Baumstumpf neben dem Grab fotografierten, der mit Sprüchen vollgeritzt war.

Das Ganze zog mit einer andächtigen Stille an uns vorüber, die uns im ersten Augenblick lähmte und im zweiten ernüchterte. Die Situation drohte abzudriften, in eine Richtung, die uns gar nicht passte. Nach einer halben Stunde, in der wir dem Treiben machtlos zugesehen hatten, suchten wir uns eine kleine Bucht am Grab, zwischen zwei großen Steinsarkophagen, und stellten den Rucksack auf den Boden. Während Ray Schmiere stand, beugte ich mich hinunter, um uns einen Rum einzuschenken. Der bloße Vorgang des Rumeingießens ließ uns durch die verbohrte Gesellschaft und die vorherrschende Bierruhe zu Straftätern mutieren und wir brauchten ein paar Schluck, um das angeknackste Gewissen zu beruhigen. Schnell wurden wir zum Zentrum des Interesses. Wir waren, mit einem Plastikbecher Rum, von bürgerlichen Touristen zum öffentlichen Ärgernis geworden und offensichtlich ein Highlight für alle spirituös beschränkten. Einige machten Fotos von uns und kassierten genervte Blicke, die sie erneut fotografierten.

„Is that booze?“ Ich nickte. „Can I have some?“ Ich nickte.

Alles mutierte zum Schauspiel und die Stimmung drohte zu kippen, als plötzlich ein Junge mit Surfer-Sonnenbrille, ranzigen langen Haaren und einem selbstgezeichneten Portrait von Jim um die Ecke sprang. Der Junge inszenierte seinen Auftritt liebevoll. Er nahm einen Laptop aus dem Rucksack und stellte ihn neben uns auf den Steinsarg. Aus den mickrigen Lautsprechern dröhnte irgendein Doors-Song, den man nicht erkannte. Dann nahm er eine kleine Kamera aus der Tasche und schob die Leute zur Seite, die gerade vor dem Grab standen. Mit Wucht sprang er über den Zaun, was ein kurzes japsen bei einer älteren Frau auslöste. Er näherte sich dem Grab und stellte sein Portrait an den Stein. Dann machte er ein Foto seiner mis-en-scene, steckte das Bild wieder ein und sprang zurück über das Gatter. Den Laptop ließ er noch an und blickte sich um, auf der Suche nach Gleichgesinnten. Wir taten so, als hätten wir ihn nicht bemerkt. Dann fand er doch unseren Blick und fragte „is that booze?“ Ich nickte. „Can I have some?“ Ich nickte. Sollte unser Morrison-Tag doch noch interessant werden? Endlich trauten wir uns, mit normaler Lautstärke zu sprechen, da eh alles von den scheppernden Laptop-Lautsprechern überspielt wurde. Er war Amerikaner, hieß Jimmy oder Jacky und war in Deutschland, um unser Brauhandwerk kennenzulernen. Das kann man zwar über so gut wie alle Amis sagen, doch Jacky hatte wirklich vor, in Amerika eine Brauerei aufzumachen, „just biological ingredients“, meinte er. Ich schüttete noch einen ein und wir hörten seinen Stories zu.

Die laute Musik hatte leider einen unschönen Nebeneffekt. Wie zu erwarten, ging unser Verhalten wohl einigen Leuten gegen den Strich und so war ich irgendwann der erste, der die dunkelblauen Sirenen des Polizeiwagens den Berg hochschleichen sah. Erst dachte ich mir nichts dabei, wir hatten ja nichts verbrochen. Trotzdem hielten wir die Plastikbecher hinter den Rücken, als der dünnhalsige Polizist den Rest des Hügels zu Fuß hochschnaubte. Schon in einiger Entfernung fluchte und zeterte er vor sich hin, das meiste davon verstand ich nicht, trotz vier Jahren Fünfen in Französisch auf dem Gymnasium. Er fragte wohl, wem der Laptop gehöre. Totenstille. Man hörte nur das Klicken eines Fotoapparats, ein Japaner zeichnete das Ganze auf Video auf. Nach kurzem Zögern bewegte sich Jacky mit rotem Gesicht auf den Laptop zu, der bereits vom Polizisten zugeklappt worden war. Der brüllte ihn an und regte sich künstlich auf.

„Ässkehßehwhiskey?“, schrie er mich an, „Ässkehßehwhiskey?“

Während Jacky damit beschäftigt war, seinen Rucksack zu packen, blickte der Polizist um sich. Er musterte alle Umstehenden und suchte die Szenerie mit seinen krummen Augäpfeln ab. Schnell hatte er uns im Blick und kam mit riesigen Schritten auf unseren Steinsarg zu. Ich versuchte noch schnell den Rum wegzuschütten und den Rucksack zu schließen, da stieß er schon ein ermahnendes „ahhhhhhh“ aus, das so böse klang wie das Stöhnen eines Fleischers. „Ässkehßehwhiskey?“, schrie er mich an, „Ässkehßehwhiskey?“. Ich antwortete „non“, war ja Rum. Dann riss er wütend die halbverstaute Flasche aus dem Rucksack, „C`est ne pas d’alcohol?“. Das war ja schon wieder ne andere Frage. Wütend zog er mich aus unserem Versteck und gab mir einen Stoß in Richtung Polizeiwagen. Ray folgte uns verdutzt und Jacky versuchte abschiebungsängstlich zu fliehen, was der Polizist mit einem schrillenden Hundeschrei unterband. Unter weiteren Flüchen trieb er uns vor sich her. Ray Merkte zum Glück nicht mehr viel, ich sah nur, wie der eilig versteckte Rum aus seinem Rucksack tropfte. Jacky filmte das Ganze fröhlich mit seiner Steadycam und ich blickte ab und zu über die Schulter und beobachtete wie der Polizist mit einem Kollegen über Funkgerät sprach. Ein zweiter Beamter nahm uns entgegen und führte uns gelangweilt vom Gelände. Jacky schien enttäuscht. Ray merkte immernoch nichts. Ich war ein wenig erleichtert, mir fiel jedoch auf, dass wir nicht ein einziges Foto gemacht hatten. Trotzdem war die Nummer noch mehr als erwartet zu einer Geschichte geworden, die wir mal unseren Kindern erzählen könnten, oder unseren Zimmernachbarn im Altenheim, wenn wir alt und allein sterben würden. Wir ließen den angeknacksten Tag im Jardin de Luxembourg auslaufen und leerten dort unseren Rum, während uns Jacky seine Freundin in einem selbstgedrehten Porno zeigte. Ein anderes Foto habe er leider noch nicht. Die prüden Amis.

Comments

2 Comments

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  1. November 8, 2012

    moinsen marvin!

    wie geil is DAS denn bitte, das wir uns beide für den gleichen Theme entschieden haben? 😀 Habe gestern schon bei TF kommentiert 🙂
    http://themeforest.net/item/memoir-tumblog-style-wordpress-theme/discussion/3316785

    Freut mich, dass ich durch den Zufall mal wieder hierhin fand. und nach dem Posting hier habe ich auch gleich „uns verbrennt die nacht“ wieder aus dem Regal gefischt 😀

    • Mr Mojo Risin #
      November 8, 2012

      Das ist ja wirklich witzig! Wege im Netz…

      Sag bescheid, wenn du mal wieder Langeweile hast und Kaffee und nen Beifahrer brauchst!

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