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Es fing an zu regnen, als ich die Haustür hinter mir geschlossen hatte. Ich zog die Kapuze meines Pullovers über meine Mütze, steckte meine Hände in die Vordertaschen und spazierte los. Es war irgendein Freitag im Juli. Den Tag hatte ich mir frei genommen, um zu schreiben. Etwas, das ich schon seit einigen Jahren nicht mehr gemacht hatte. Vielleicht ist das Schreiben die größte Sehnsucht und gleichzeitig die größte Niederlage in meinem Leben. Dass ich über die Fotografie zurück zu meiner Schreibmaschine finden würde, hätte ich niemals erwartet. Es sind die Fragen, die mir ständig gestellt werden, die mich wieder zum Nachdenken und Formulieren bringen. Wieso wirken die Frauen auf deinen Bildern so wie sie es tun? Wie sind deine Bilder zu dem geworden, was sie jetzt sind? Wie hast du zu deiner Art zu Fotografieren gefunden?

Einfache Fragen, auf die es einfache Antworten gibt, die mich aber sehr umtreiben. Vor allem, weil ich mich dabei erwische, wie ich unterschiedlichen Leuten unterschiedliche Antworten auf diese Fragen gebe im Laufe der Zeit. Meine Antworten sind immer nur der aktuelle Stand meiner eigenen Grübeleien zu diesen Themen. Vielleicht versuche ich mich mit den unterschiedlichen Antworten auch selbst dem Thema zu nähern. Eine Grundvoraussetzung für meine Bilder ist mir allerdings mittlerweile klar geworden. Wenn ich meine Kamera in die Hand nehme, bin ich unweigerlich mit im Foto. Auch wenn ich das perspektivisch zu vermeiden suche und fotografisch eigentlich absichtlich versuche, mich aus den Bildern rauszunehmen.

Mein Foto ist mein Blick auf die Welt. Und die Art wie ich Frauen darstellen möchte spiegelt in gewisser Weise das Bild wieder, das ich von ihnen habe. Natürlich klappt das eher selten, aber bei den Bildern, die mir etwas bedeuten, hat es auf irgendeine Weise ein bisschen funktioniert. Mein Frauenbild ist stark geprägt durch einige Personen und Ereignisse in meiner Jugend und in meinen Zwanzigern. Meine frühe Kindheit habe ich nur unter Frauen verbracht. Meine alleinerziehende Mutter, meine Großmütter, Cousinen, Nachbarstöchter. Die Freunde meiner Eltern hatten alle Kinder, und auch das waren Mädchen. Ich habe ein Jahr auf einer Insel in der Nordsee gelebt als ich sehr jung war. Meine beste Freundin dort war die Tochter unserer Nachbarn. Dann gab es noch das Austauschmädchen aus dem Senegal bei meinem Onkel. Und es gab die schon etwas ältere Kollegin, die meinen literarischen Horizont gehörig erweitert hat, als ich mit 22 in einer Buchhandlung gearbeitet habe. Ich habe Literaturwissenschaften studiert, in den meisten Kursen als einziger Mann gesessen. Oder Die Mädchen in meinem Schwimmverein, die alle viel austrainierter und schneller waren als ich. Und das Mädchen, mit dem ich einen einzigen Tag in Marseille verbracht und sie dann nie wiedergesehen habe. Und, und, und. Diese Frauen haben meinen Umgang mit und meine Sicht auf das andere Geschlecht geformt und geprägt. Manche sehr stark und manche nur flüchtig. Aber ich sehe Eigenschaften von ihnen in vielen meiner Bilder, weshalb ich mich diesen Frauen wieder zuwenden will.

An besagtem Tag im Juli hatte ich mir also frei genommen, um mit dem Schreiben einer kleinen Serie über meine Fotografie zu beginnen. Ich wollte über die Frauen schreiben, die aus meinem Unterbewusstsein immer wieder mit auf meine Bilder wandern. Was ich damit meine, lässt sich am besten anhand des Mädchens aus Marseille erklären. Ihren Namen weiß ich nicht mehr. Aber ich hatte mir vorgenommen, an diesem Tag im Juli über sie zu schreiben. Und dieses Mal wollte ich schreiben ohne meine gewohnten Schriftstellerklischees auszuleben. Tee statt Alkohol, Laptop statt Schreibmaschine. Das mit dem Laptop hatte ich nach einer halben Stunde wieder verworfen. Ich brauche einfach meine IBM-Kugelkopf, um mich ein bisschen zu fühlen wie Hunter S. Thompson oder Hank Moody und irgendwann die Traute zu haben, einfach loszutippen. Nach zwei Stunden hatte ich, nach einem schleppenden Anfang, nur noch den Kiosk ein paar Straßen weiter im Kopf und dessen Kühlschränke, die unter anderem eiskalte Coronas beherbergen. Die Geschichte wollte nicht so recht beginnen und ich hatte noch keine volle Seite zu Papier gebracht. Ich beschloss, einen kleinen Spaziergang zu machen und ein paar Bier und Kaugummis zu besorgen.

Der Regen wurde ein bisschen stärker, als ich in die Mühlenstraße bog. Ich zog die Kappe unter meiner Kapuze ein bisschen tiefer in mein Gesicht. In den umliegenden Cafés und Restaurants rannten die Kellner wie wild hin und her und rissen die Tischdecken und Stuhlkissen von den Möbeln, um sie ins Trockene zu bringen. Ein bunt angezogenes Mittelklasse plus Pärchen lief geduckt in Richtung Restaurant, in der einen Hand ihre Teller mit Nudeln, in der anderen halbleere Weißweingläser. In meinem Viertel gibt es viele Kneipen und Bars und Restaurants und Imbisse. Im Sommer höre ich abends die Stimmen der Menschen, die vor den Cafés sitzen, wenn ich das Fenster in meinem Schlafzimmer einen Spalt geöffnet lasse. Es gibt mir das Gefühl, an einem anderen Ort zu sein. Manchmal träume ich mich dann ans Meer nach Südfrankreich. Aber ich habe mich mit der kleinen Stadt versöhnt, in der ich lebe. Sie ist Fluch und Segen zugleich. Ich liebe meine Einsamkeit. Und hier habe ich genau so viel davon, dass ich nicht drohe, depressiv zu werden. Die Fotos bringen mich in letzter Zeit genug durch die Welt. Trotzdem habe ich so langsam das Gefühl, dass diese Beziehung bald enden wird.

Ich lief die Mühlenstraße entlang und beschloss einen kleinen Umweg zu machen. Vielleicht würde mir endlich der Einstieg zur Geschichte vom Mädchen in Marseille einfallen. Das ist, was ich immer brauche. Einen kleinen Einfall, die Tür in den Text. Doch die ist meist schwer zu finden und dann vielleicht auch noch verschlossen. Vor allem, wenn man bewusst danach sucht. Kurz vorm Einschlafen kommt es mir oft, wenn ich ein paar Tage mit einer Idee schwanger gegangen bin. Ich versuchte mir das Mädchen wieder in Erinnerung zu rufen. Blonde dünne Haare, die sie eng am Kopf zusammengebunden hatte. Grüner Bundeswehrparka. Batik-Rucksack. Abgelatschte braune Lederschuhe. Eine braune Strumpfhose mit Löchern, Jeansrock. Strenge Gesichtszüge. Sie machte ruckartige kleine Bewegungen, wenn sie etwas aus ihrem Rucksack kramte. So in etwa sah sie aus, als ich sie am Flughafen in Köln zum ersten Mal sah. Wir warteten auf eine HLX Maschine nach Marseille. Es war etwa halb acht morgens und die Wartehalle war noch erleuchtet von gelblichen Neonröhren, weshalb jeder an unserem Gate noch ein bisschen müder aussah als es eigentlich der Fall war. Sie war mir aufgefallen, weil sie in einer noch druckfrischen Ausgabe von Murakamis „Wilde Schafsjagd“ las. Ich hatte den Roman etwa ein Jahr zuvor gelesen und er war mir noch gut in Erinnerung. Ich glaube an Zeichen. Ihre Ohren konnte ich unter ihren locker zusammengebundenen Haaren leider nicht sehen. Ich überlegte, was mir zu dem Roman noch einfiel. Ich hatte direkt das Gefühl, dass wir noch miteinander ins Gespräch kommen würden. Sie blickte ab und zu herüber und unsere Blicke trafen sich. Sie hatte zu dem Roman in ihren Händen noch ein Notizbuch im Schoß, in dem ein Bleistift klemmte. Mein Notizbuch lag neben mir auf einem freien Sitz und ich las damals in den Briefen an Felice Bauer von Franz Kafka. Patti Smith hat mal geschrieben, dass sie es sehr bedauerlich findet, niemanden mehr in ihren Stammcafés zu sehen, der in ein Notizbuch schreibt und Zeit mit sich und seinen Gedanken verbringt. Irgendwie teile ich dieses Gefühl und jedes Mal, wenn ich jemanden mit einem Notizbuch sehe, fühle ich mich ein wenig zu dieser Person hingezogen. Dem Mädchen aus Marseille schien es ähnlich zu gehen. Ich spürte wie sie mich mit meinen Büchern beobachtete bis unser Flug ausgerufen wurde. HLX war Anfang der Nullerjahre die Billigfluglinie der Lufthansa. Der Flug nach Marseille kostete knapp zwanzig Euro. Freie Platzwahl. Ich stieg vor ihr ein und suchte mir einen Platz am Fenster, etwa auf Mitte des Fliegers. Als ich mich hingesetzt hatte, sah ich sie auf dem Gang ein paar Meter weiter in der Schlange der Passagiere. Sie drückte sich etwas ungeduldig an einigen vorbei und warf ihren grünen Parka auf den Sitz neben mir. „Noch frei?“, fragte sie beiläufig, da sie die Antwort schon kannte. Bei der Erinnerung daran muss ich an die erste Szene aus „The Rum Diary“ denken, die Szene, die im Film leider nicht vorkam. Sie stopfte Notizbuch und Murakami ins Gummifach vor ihr, setzte sich neben mich und schnallte sich an. Sie warf mir keinen Blick mehr zu bis zum Start und ich vertiefte mich wieder in die traurigen Ergüsse Franz Kafkas. Nachdem die Maschine durch die Wolken gebrochen war, schien sie sichtlich entspannter. Sie kramte den Murakami hervor und begann irgendwo in der Mitte zu lesen. „Es gibt zwei Arten von Menschen, mittelmäßige Träumer und mittelmäßige Realisten“, sagte ich zu ihr. Das war der einzige Satz, den ich aus dem Buch behalten hatte. Und ich bereute meinen Vorstoß im selben Moment, als ich den Satz ausgesprochen hatte. Sie blickte zu mir Auf und antwortete: „Und du? Träumer oder Realist?“

Ich versuchte mich daran zu erinnern, was ich ihr darauf geantwortet hatte, als ich von der Mühlenstraße in den Altstadtkern abbog. Der Regen hatte schon wieder aufgehört und es roch nach nassem Asphalt im Sommer. Ich ging an der Weinbar vorbei, in der ich mich vor sechs oder sieben Jahren mit Pascal Mercier über Fernando Pessoa unterhalten hatte. Nach seiner Lesung aus dem Roman, der nach „Nachtzug nach Lissabon“ kam. Der Weinladen ist mittlerweile seit einem Jahr geschlossen. Aber diese Erinnerung wird mir bleiben. Orte und Erinnerungen. Ich weiß nicht mehr, bei wem ich es gelesen habe, aber irgendwer hat mal geschrieben: „Wenn man in einer kleinen Stadt lebt, bleibt es nicht aus, dass man irgendwann mit jedem noch so kleinen Ort in ihr eine Erinnerung verbindet.“ Oder so ähnlich. An diesen Satz denke ich immer, wenn ich meine Kopfhörer vergessen habe und irgendwo in diesen Straßen herumirre. Es ist ein Gedankenspiel. Da ist die Weinbar. Als nächstes ein kleines Stadtmuseum, in dem ich vor mehr als zehn Jahren einen kleinen Poetry Slam besucht habe, über den ich meinen ersten Artikel für eine Zeitung in der neuen Stadt schreiben durfte. Die Stadtmauer, an der ich gelehnt habe, als mich dieses Mädchen vom Stadtfest küssen wollte, aber eigentlich viel zu betrunken war. Die Brücke über der Quelle, auf der ich mal eine Stunde stand und auf einen alten Freund gewartet habe. All diese Dinge fielen mir wieder ein, als ich durch die Krämerstraße lief. Nur was ich dem Mädchen aus Marseille auf ihre Frage geantwortet hatte, blieb in meinem Gedächtnis verschollen. Aber ihre Frage hatte mich beeindruckt, so viel weiß ich noch. Unser beider Problem war unsere Schüchternheit. Wir tranken Kaffee vom HLX Shop und sprachen über Murakami und Kafka und warum wir auf dem Weg nach Marseille waren. Ich besuchte einen guten Freund, der in Aix-en-Provence studierte zu der Zeit und sie war auf dem Weg, ein Praktikum in einem kleinen Theater am alten Hafen in Marseille zu absolvieren. Ein halbes Jahr würde sie dort bleiben, ich nur für fünf Tage. Ich fand sie mutig. Sie war 19 oder 20. Ich kann mich nicht erinnern. Sie war jung und würde für ein halbes Jahr in Marseille leben, in einer kleinen Wohngemeinschaft, mit Menschen, die sie noch nicht kannte, als sie mit mir in den Flieger gestiegen war. Wir sprachen den ganzen Flug über unsere Lieblingsbücher und als wir zum Landeanflug ansetzten, wurden wir beide still. Wir wollten uns wiedersehen, das stand fest. Nur aussprechen wollte es keiner von uns. Wir warteten zusammen am Gepäckband. Ihr brauner Koffer fiel zuerst herunter. Sie wartete noch bis ich meinen hatte, einen einfachen schwarzen Koffer aus Stoff, den ich mir von meinem Vater geliehen hatte. Als wir aus dem Flughafengebäude traten, brannte die Sonne und die Luft war warm und dreckig von den Bussen. Ich brachte sie noch zu ihrer Haltestelle und wir umarmten uns kurz. „Komm mich doch noch in Marseille besuchen, wenn du es schaffst“, sagte sie im letzten Moment und gab mir eine Seite aus ihrem Notizbuch, auf der sie ihre Nummer notiert hatte. Ich versprach ihr, anzurufen und sie stieg ohne sich noch einmal umzudrehen in den Wagen.

Auf dem Zettel stand auch ihr Name. Daran erinnerte ich mich. Ich überlegte, ob ich ihn noch irgendwo finden würde. Das alles war über zehn Jahre her. Aber ich bewahre viele Kleinigkeiten auf. Von großen Dingen trenne ich mich sehr schnell. Ich war endlich beim Kiosk angekommen. Der Inhaber Asif kennt mich ein bisschen und grüßte überfreundlich, wie er es immer macht. Ich nahm fünf Flaschen Corona aus dem großen Kühlschrank und stellte mich an der Kasse an. Vor mir gab jemand ein Paket zum Versand auf und ich vertrieb mir die Zeit mit der Auswahl einiger Kaugummis. Bei Kaugummi gehe ich ausschließlich nach der Farbe der Packung. Ich nahm eine blaue Packung, eine orangene und eine knallgelbe aus der Auslage. Vor der Tür riss ich die gelbe Packung auf, steckte mir eins der Kaugummis in den Mund und überlegte, welcher Geschmack es sein könnte. Es war Grapefruit, eindeutig. Und da war sie. Die Tür die ich gesucht hatte. Die Proustsche Madeleine in der Erinnerung an mein Mädchen aus Marseille war ein Orbit ohne Zucker Kaugummi mit Grapefruitgeschmack. Plötzlich war alles wieder da. Der Tag strahlte in meiner Erinnerung.

In Murakamis „Wilde Schafsjagd“ gibt es ungefähr in der Mitte des Romans ein Kapitel, das „Sie trinkt Salty Dog und erzählt vom Wellenrauschen“ heißt. Als wir am Nachmittag durch Marseille spazierten, erinnerten wir uns an dieses Detail. Wir mochten den Klang dieses Titels, wussten aber beide nicht, was ein „Salty Dog“ war. Also beschlossen wir, in eine Bar am Hafen zu gehen und auf gut Glück zwei „Salty Dogs“ zu bestellen, falls unsere Finanzen es noch zulassen würden. Marseille war unendlich teuer und wir waren über den Tag gekommen, in dem wir in jedem Café nur einen kleinen Kaffee bestellt hatten und zwei Stunden davor sitzen geblieben waren. Ich hatte sie um 12 Uhr bei ihrer WG abgeholt. Sie trug wieder die braunen Schuhe, lange braune Socken und Stoffhosen wie ein Golfer aus den Zwanzigern, in die sie ein lockeres weißes Hemd gesteckt hatte. Wir führten unser Gespräch über Murakami fort und spazierten an den Platanen vorbei, die in Marseille überall wachsen. Marseille ist über die Jahre zu meiner dreckigen Geliebten geworden. Der alte Hafen ist einer der schönsten Flecke, die ich kenne. In einer Seitengasse des Vieux Port war auch das kleine Theater, an dem sie ihr Praktikum machen würde. Sie drückte ihr Gesicht an das Fenster, doch drinnen war an diesem Nachmittag noch alles dunkel. In einem Leuchtkasten an der Seite sah man die Schauspieler in ihren aktuellen Rollen auf kleinen schwarz-weiß Fotos und jemand hatte den Titel des Stücks aus Magazinüberschriften zu einer Collage zusammengeklebt. Ich erinnere mich gut an diesen Moment. Wie sie versuchte, irgendwelche Umrisse im Dunkel auszumachen. Sie stand auf Zehenspitzen. Das weiße Hemd, das sie vielleicht von ihrem Vater geklaut hatte, war aus der Hose gerutscht und hing ihr fast in den Kniekehlen. Ich konnte ihre Vorfreude spüren. Sie hatte diesen großen Schritt gewagt und dieser Augenblick schien ihr wieder bewusst zu machen, dass sich das alles gelohnt hat. Sie war Künstlerin und versuchte, sich in allem auszuleben. Mich beeindruckte das damals. Nachdem wir beim Theater waren, gingen wir noch am Wasser entlang und besuchten die Händler an ihren kleinen Ständen. Sie verkauften Fisch und einige verkauften auch ein bisschen Gemüse. Die Sonne brannte uns im Nacken und wir beschlossen, jetzt nach der Bar zu suchen, in der wir einen „Salty Dog“ bestellen würden. In den ersten beiden Kneipen schauten sie uns verwundert an. In der dritten hatten wir dann Glück. Aber unser erster „Salty Dog“ sollte 13 Euro kosten. Wir entschieden, uns einen zu teilen und legten fast unser restliches Vermögen auf den Tresen. Der Barkeeper legte los und servierte uns nach kurzer Zeit ein verblüffend kleines Margaritaglas mit Salzrand und gelblichem Inhalt. Es stellte sich heraus, dass Salty Dog lediglich Vodka mit Grapefruitsaft ist. Aber wir genossen unser mondänes Getränk in illustrer Gesellschaft. Wir nippten fast eine Stunde an unserem Glas herum und verloren uns in Gesprächen über unsere Lieblingsautoren, Reisen, die wir unternommen hatten und noch unternehmen wollten, Filme, Musik, Frankreich, Cafés, den Drang, Kunst machen zu wollen, ohne zu wissen in welcher Kunstform. Sie erzählte mir, was sie sich für die Monate in Marseille wünschte. Wir hatten in nur ein paar Stunden eine Verbindung zueinander aufgebaut. Wir vertrauten uns. Wir hatten die gemeinsame Welle gefunden, von der ich meinen Models immer versuche zu erzählen. Die gleiche Welle zu finden, die uns beide an den Strand trägt. Darum geht es in meinen Bildern. Hätte ich damals schon fotografiert, wäre es sicher zu einem Foto von ihr gekommen, das mich jetzt an sie erinnern würde. Stattdessen musste ich ihr versprechen, irgendwann unsere Begegnung in einer meiner Geschichten unterzubringen. Sie brachte mich zu meinem Bus nach Aix en Provence. Wir verabschiedeten uns und tauschten Adressen aus, umarmten uns zum Abschied. Ich saß in der klimatisierten Navette und beobachtete den Sonnenuntergang zwischen den riesigen Hochhäusern der Vorstädte Marseilles. Ich hatte noch den Grapefruitgeschmack auf der Zunge, während ich meine Stirn an das Fenster lehnte. Das Mädchen aus Marseille habe ich nie wiedergesehen. Ihre Adresse ging noch auf der Reise verloren und sie schrieb mir auch nie.

Mit dem Geschmack des Grapefruitkaugummis im Mund schloss ich meine Haustür auf und ging die Treppe hoch. Die Flaschen klimperten in einer Plastiktüte. Ich warf meine Mütze in die Ecke, ging in die Küche und öffnete eine davon. Die restlichen stellte ich in den Kühlschrank und ging rüber in mein Schreibzimmer. Ich hatte die Schreibmaschine aus Versehen an gelassen und sie surrte noch auf meinem Holztisch vor dem Fenster. Ich war zuversichtlich, den Einstieg in meinen Text gefunden zu haben. Auf meinem iPod stellte ich „Rouge“ von Lou Reed auf repeat und setzte meine Kopfhörer auf.

Und dann begann ich diese Geschichte.

Comments

16 Comments

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  1. November 1, 2016

    Wunderschön mehr fällt mir dazu nicht ein.
    Danke für diese Inspiration

  2. November 2, 2016

    Was mit „ich schau mal rein“ begann, hat mich sofort gefesselt! Inspirierend und großartig. Schreit nach mehr.

  3. Moritz #
    November 3, 2016

    Wirklich schön geschrieben. Solltest du öfter machen 😉

  4. November 8, 2016

    Klasse!! Mehr bitte

  5. David Anthony #
    November 10, 2016

    Ich zähle mittlerweile nicht mehr wie oft ich den Text gelesen habe…

    • Nico #
      November 13, 2016

      … und es werden noch viele male folgen. 😉

  6. Mai 5, 2017

    Hallo Bob,
    vielleicht bin ich etwas spät dir einen Kommentar zu diesem beeindruckenden Text zu hinterlassen. Wahnsinn, wie toll du die Geschichte formuliert hast, ich wurde von ihr sofort vereinnahmt und konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Bringst du eigentlich mal ein Buch raus??
    PS: ich hab mir gleich nach dem lesen das Buch „Wilde Schafsjagd“ bestellt 🙂

    • Mai 18, 2017

      Haha, geil. Neue Murakami Leser braucht das Land!

  7. Mareike #
    Mai 18, 2017

    Eine ganz wunderbare Geschichte! Danke für das Erzählen!
    Und weil sie so schön war möchte ich mehr davon… und springe weiter zu „Almost Famous“…

    Deine Texte zu lesen ist eine Freude und Inspiration!

    Merci.

    • Mai 18, 2017

      Lieben Dank Mareike! Freut mich sehr, wenn das Zeug wer liest.

  8. trine #
    Mai 19, 2017

    Wie kann man etwas in Worte fassen wenn es in einem selbst eher Bilder auslöst? Dankbar für diese Gedankenreise, die deine Story in mir ausgelöst hat… einfach großartig

  9. August 4, 2017

    Sehr toller Moment. Musst mir das mehrmals durchlesen.

  10. Nicole #
    Dezember 2, 2017

    Fortsetzung gewünscht ….

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