Autor: Bob Sala

Venturi, Kapitel 1 (Auszug, Rohfassung)

Im sterilen Licht der Neonröhren sah Engler mich verwundert an. »Du hast aber auch schon bessere Tage gesehen!« Er war in der hinteren Ecke angekommen, wo er einen kleinen Packtisch und einen wackeligen Plastikstuhl aufgestellt hatte. Daneben stand ein Stapel von sieben abgenutzten Ananas-Kisten, randvoll mit der Hinterlassenschaft des fremden Lehrers oder Professors. Über dem Tisch ragte eine schirmlose Wandlampe in den Raum, die er mit einem Zug an einer dreckigen Strippe zum leuchten brachte. »Lass dir Zeit. Ich setz gleich Kaffee auf, wenn du was willst, spül dir ‘ne Tasse ab!« Engler schlurfte durch die Gänge zurück zur Tür und schaltete die großen Lichter aus, so dass die kleine Ecke mit dem von der schwachen Glühbirne beleuchteten Packtisch von tiefem Schwarz umschlossen wurde. Dann verschwand er wieder im Vorraum, wo er in seinem Büro verfolgte, ob jemand etwas in seinem Amazon-Shop kaufte, dabei wässrigen Kaffee trank und dicke Mettwürste kaute.

Die wiedergewonnene Einsamkeit legte ihren dumpfen Schleier um meine Brust. Das Licht der Glühbirne hatte mich so geblendet, dass ich Engler beim Rausgehen in eine rot und violet wabernden Wolke hatte eintauchen sehen. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Lichtverhältnisse, während ich meinen Rucksack an die Wand lehnte, ein Notizbuch aus der Seitentasche zog und es auf den kleinen Packtisch warf. Als ich mit meinen Händen die Abdeckung der obersten Kiste umfasste, fiel mein Blick auf meine dreckigen Fingernägel. Ich ließ sofort von dem Karton ab und musterte meine Handflächen. Meine Kopf-, Herz- und Lebenslinien waren zu schwarz eingezeichneten Grenzen auf der Karte meiner zurückliegenden Reise geworden. Ich tastete mich in der Dunkelheit zu einem Waschbecken, wo ich mir mit Industrieseife die Hände einrieb, dabei ließ ich das Wasser laufen und genoss die kleinen Sandsteine auf der tauben Haut. Vor dem Scheunentor fuhr ein schwerer Lastwagen an der Hofeinfahrt vorüber. Man hörte Engler im Nebenraum aufgeregt telefonieren, immer wieder unterbrochen von eruptionsartigen Lachern, die im selben Moment wieder erstickten.

Ich blickte zu dem Stapel Bücherkisten. Neue Bücher waren eigentlich das Letzte, was ich gerade gebrauchen konnte. Nachdem ich die Hände an meinem Hemd abgetrocknet hatte, hob ich trotzdem die erste Kiste auf den Tisch und nahm den Deckel ab. Ich spürte, wie sich mein Gesicht zu so etwas wie Heiterkeit verzog, als ich das oberste Buch mit einer Hand befühlte. Es war “The Sun Also Rises” von Ernest Hemingway in der britischen Edition unter dem Titel “Fiesta”. Ich erinnerte mich an die ersten Seiten des Romans, an die Zeit in der ich es gelesen hatte, nachdem ich zuvor auf einem der Märkte bei Engler “A Moveable Feast” erstanden und an einem Abend durchgelesen hatte. Meine Hemingway-Phase lag Jahre zurück und trotzdem erfüllte mich der Gedanke an diesen Abschnitt meines Lebens mit wohltuender Wehmut. Man merkte dem Buch an, dass es mehrmals gelesen worden war. Die Kanten des Taschenbuchs aus dem Jahr 1967 waren weißgrau aufgebrochen, der Schnitt vergilbt und der Buchrücken wies fast so viele Knicke auf, wie das Buch Seiten hatte. Ich blätterte zum Schmutztitel. An der oberen Kante hatte jemand etwas mit blauer Tinte eingetragen. “K.H. Mehring”, stand dort, “Tropea, Süditalien, 1969.”

Ich freute mich über diesen Eintrag aus einer vergangenen Zeit und einem vergangenen Leben. Bücher, die nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern auch eine haben, waren mir schon immer lieber gewesen, als die druckfrischen Ausgaben, die es in Buchhandlungen zu kaufen gibt. Ich hatte hunderte solcher Bücher in meiner Wohnung liegen, die noch genau so aussahen, wie an dem Tag, als ich sie gekauft hatte.

Die abgegriffenen, etwas müffig riechenden Ausgaben, die ich aus Obstkisten auf Trödelmärkten fischen konnte, waren mir immer schon lieber gewesen. Nichts strahlt mehr untertriebene Coolness aus, als eine abgegriffene Ausgabe von Murakamis „Wind-Up Bird Chronicle“ auf dem Tisch einer 25jährigen Studentin, die den Nachmittag mit Milchkaffee und ein paar Bier vor einem Café in der Stadt vertrödelt.

Lesen war für mich ein Handwerk, das den Handwerker nach getaner Arbeit mit stolz erfüllen sollte. Das Buch, meine Augen, die Fähigkeit zu lesen, all das waren Werkzeuge, mit denen ich geistige Landschaften in meinem Kopf entstehen ließ. Das Werkzeug soll dann auch ruhig aussehen, als wenn es gewissenhaft benutzt wurde. Und Dinge an denen sich schon jemand anders versucht hatte, reizten mich besonders. Ich legte den Hemingway zu meinem Notizbuch und krempelte mir die Ärmel hoch. Auch die nächsten Bücher waren mir nur allzu bekannt. Großteils amerikanische Autoren aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Fitzgerald, Faulkner, Hemingway, Steinbeck, Miller, die üblichen Unverdächtigen. Aber auch Sinclair Lewis, Ezra Pound und Sherwood Anderson waren darunter. Ich schaute in jedem Buch nach den handschriftlichen Eintragungen auf dem Schmutztitel, die in keiner Ausgabe fehlten. Im Gegenteil, in manchen Büchern waren neben Ort und Jahr auch noch einige Notizen zu finden, die sich manchmal bis zum Seitenende ausdehnten. Als ich am Boden des ersten Kartons angelangt war, hatte ich drei Bücher zur Seite gelegt, neben Hemingway noch “This Side Of Paradise” von Fitzgerald und “Selected Poetry” von Pound, die beide einen langen, in hastiger Schrift verfassten Eintrag auf der ersten Seite aufwiesen, den ich später lesen wollte.

Doch was viel verwunderlicher war als diese Eintragungen, war die Tatsache, dass ich jedes einzelne der 27 Bücher aus dem ersten Karton bereits kannte und sogar gelesen, ja auch noch jedes der 27 Exemplare selbst in meinem Bücherschrank stehen hatte. Diese Überschneidung der Lesegewohnheiten machte mich gespannt auf die nächsten Obstkisten. Die durchgesehene odnete ich derweil wieder ein wenig, verschloss sie und stellte sie auf den Boden, wo ich sie mit dem Fuß an die Wand neben meinen Rucksack schob. Ich befühlte Buch um Buch, Kiste um Kiste, und plötzlich war er wieder da, für einen kurzen Moment befand ich mich in einem Rausch, dem Erhofften nicht unähnlichen, aber mit zunehmendem Unbehagen behafteten Rausch. Nach jedem Buch, jeder Kiste wurde ich langsamer und erlangte schon vor dem letzten Karton die Gewissheit, dass hier jemand ein übles Spiel mit mir zu treiben schien. Ich wollte umgehend zu Engler rennen, der sich ohne Zweifel einen dunklen Spaß mit mir erlaubt hatte.

Im Traum wie eine Ewigkeit

Ein Traum (vor New York): Ich stehe im obersten Stock eines der höchsten New Yorker Hochhäuser und starre aus dem Fenster über die Stadt. Der Fußboden ist bedeckt von aufgeschlagenen, wild über- und durcheinander geworfenen Ordnern. In keinem Dieser Ordner könnte man auch nur ein weiteres Blatt abheften, so sehr platzen sie schon aus ihren Nähten. Sie sind voll von beschriebenen Blättern, manche von diesen Blättern sind so klein beschrieben, dass man kaum noch weiße Stellen darauf entdeckt. Zwischen den Ordnern liegt eine braune abgewetzte Ledertasche von einer italienischen Marke, die ich nicht genau entziffern kann. Die Tasche scheint leer zu sein, doch in meinem Traum werfe ich nur einen kurzen Blick auf sie. Die Wände hinter und neben mir sind dunkel und nicht zu erkennen, vor allem was hinter meinem Rücken liegt ist verschwommen, bis auf eine große schwarze Tür am anderen Ende des Raumes hinter meiner linken Schulter. Der Duft von antikem Holz und neuem Leder liegt wie ein unsichtbarer Nebel in der Luft. Doch das alles ist nur eine Momentaufnahme, vielleicht eine Sekunde meines Traumes.
Im nächsten Moment gerät das komplette Gebäude aus den Fugen. Ohne jegliches Geräusch scheint der gesamte Wolkenkratzer wie ein gewaltiger Dominostein vornüber zu kippen. Ich kann meinen Blick nicht dem Fenster abwenden. Ich erkenne bald, dass die unteren Stockwerke von diesem Treiben gänzlich unbetroffen sind. Das Gebäude verneigt sich vor der erdrückenden Wand der anderen Mauerwerke der Stadt. Ich falle direkt auf die Fensterscheiben die jetzt nicht mehr vor mir, sondern unter mir liegen und werde von der Masse der mich begrabenden Ordner an das Glas gepresst. Langsam und doch unaufhaltsam nähert sich mein Stockwerk dem Asphalt einer ausgestorbenen Hauptstraße der New Yorker Innenstadt. Etwa zehn Meter bevor ich mit dem Fenster auf die Straße treffe, beginnt das Glas unter mir ohrenbetäubend zu knacken, außer diesem Knacken, kommt in diesem Traum bis zu diesem Zeitpunkt kein einziges Geräusch vor. Es wird innerhalb weniger Sekunden so laut, das ich meine Hände von der Scheibe nehme um mir die Ohren zuzuhalten. In diesem Moment splittert die Scheibe unter mir. Erschrocken versuche ich mir Halt zu verschaffen, doch meine Hände greifen ins Leere. Stille kehrt ein. Ich sehe wie die Scherben geräuschlos auf der Straße zerschellen. Einige Sekunden vergehen. Unter mir ist nichts was mich eigentlich halten könnte, doch ich stürze nicht gen Asphalt. Einer der Ordner streift schmerzhaft meinen Hinterkopf und fällt dann mit einer Wucht zu Boden, als wäre er aus hundert Metern gefallen. Die Blätter wirbeln kurz auf und segeln dann zu Boden. Diesem Ordner folgen auch die anderen. Es sind Unmengen. Auf dem Boden des Büros war mir nicht aufgefallen wie viele es wirklich wahren. Erdrutschartig gehen sie alle zu Boden und eine enorme Wolke bekritzelter Blätter steigt auf. All dies geht ohne jegliches Geräusch vor sich. Die Blätter scheinen die ganze Stadt zu bedecken. Ich schaue nach rechts und links die Straße entlang und kann über hunderte von Metern keinen Flecken Asphalt erkennen. Fasziniert von diesem schwarz-weißen Meer bemerke ich erst nicht, dass die Tür hinter meinem Rücken nun offen steht. Sie wiegt in den Angeln hin und her und der Türknauf stößt bei jedem Schwung gegen die Wand, so dass er ein dumpfes, unrhythmisches Klopfen verursacht. Nach einer Zeit, die mir im Traum wie eine Ewigkeit vorkommt blicke ich über meine Schulter nach oben und sehe die offene Tür. Ich versuche mich umzudrehen und das über mir liegende Bein meines Schreibtisches zu greifen, doch da ich mit meinen Füßen keinen Halt finde, kann ich es nicht erreichen. Das Gebäude beginnt sich zurück in seine ursprüngliche Position aufzurichten. Nun fühlt es sich an als würde ich aus dem Fenster stürzen, doch es kommt mir nur so vor, da es sich von mir entfernt und ich bleibe einfach wie schwerelos in der Luft hängen.

Normal, Illinois: Day 14 – Francotirador*

Ein Traum: Ich trete in die Pedale des rotkohlfarbenen Hollandrades meines Großvaters. Meine Beine sind gerade lang genug, dass ich bei beim Treten meine Füße nicht mehr abwechselnd vom Pedal nehmen muss. Es ist Sommer, die Eichenbäume in den Alleen wippen im warmen Wind. Ich bin in Spexard, genauer in der Neubausiedlung, in der der Bolzplatz lag, auf dem ich meine besten Fußballjahre verbracht habe. Sonst erkenne ich nichts, die Umgebung verschwimmt. An einer großen Wiese angekommen, werfe ich das Fahrrad in das kniehohe Gras, wo bereits andere Räder verstreut liegen. Ich schließe mich einer großen Gruppe von Leuten ohne Gesichtern an, die alle einen Film auf einer kleinen Leinwand schauen, den ich bereits kenne. Der Traum verzerrt, die Sonne scheint unterzugehen. Das Ende des Filmes ist begleitet von Stille, wie in dem Film „No Country For Old Men“, niemand spricht, als die Produktionsinformationen über den schwarzen Hintergrund rutschen. Doch alle sind sich einig, einen großartigen Film gesehen zu haben. Ich weiß bereits, dass er großartig ist, bevor er endet, ich habe ihn ja schon gesehen.

Plötzlich verlassen die Menschen die Wiese und ich bleibe zurück. Während der Vorführung hatte ich meine Schuhe ausgezogen, nach denen ich dann unter der Decke Suche, die ich auf dem trockenen, braunen Gras ausgebreitet hatte. Statt der Schuhe, in denen ich gekommen war und die ich angestrengt auf die Pedale gepresst hatte, finde ich alte Schuhe von mir, Schuhe, die ich trug, als ich eingeschult wurde. Sie passen nicht mehr, also laufe ich Barfuß zurück zu meinem Fahrrad. Auf dem Weg stolpere ich dann immer wieder über Schuhe. Schuhe, die ich irgendwann in meinem Leben getragen habe. Auch Schuhe, die ich hier mit in Amerika habe. Ich versuche so viele wie möglich davon auf meinen Gepäckträger zu spannen und springe auf den Sattel. Nach einigen angestrengten Tritten mit meinen nackten Füßen lasse ich das Fahrrad einfach rollen…und wache auf.

Diesen Traum hatte ich in der letzten Nacht. Vollgepumpt mit amerikanischen Erkältungspillen, die nur mit den polnischen Totschlagtabletten, die ich in Zabrze genommen habe, vergleichbar sind. Um 2:37 AM wachte ich auf und erinnerte mich sofort an den ganzen Traum, den ich sofort in mein amerikanisches Notizbuch notierte. Ich erinnere mich nie an Träume, wenn sie nicht mit Flugzeugabstürzen zu tun haben. Gibt es professionelle Traumdeuter unter meinen Lesern? Eine einleuchtende Erklärung für eben diesen als Kommentar in diesem Post wäre sehr hilfreich.

Auch jetzt bin ich immer noch „unter Drogen“. Mir geht es besser und nach einem Tag voller Schlaf, Fieber und vier Litern Wasser konnte ich den heutigen Freitag wieder bewusst erleben. Es war ein merkwürdiger Tag, der erste Tag, an dem ich ein ungewöhnliches Gefühl hatte. Ich fühlte mich zu Hause. Ich wachte um sieben Uhr auf und hatte noch drei Stunden bis zu meinem ersten Kurs. Becky kochte mir Kaffee und ich reizte die Cornflakesauswahl ein weiteres Mal aus. Dann schrieb ich eine vier Seiten lange Geschichte in mein Notizbuch. Dafür brauchte ich zwei Stunden.

Der Kurs um zehn Uhr war wie zu erwarten relativ langweilig. Doch ich hatte bereits den nächsten Punkt meiner Tagesplanung im Kopf: Meine Creative Writing Klasse. Da ich am Mittwoch nicht teilnehmen konnte, wurde ich heute herzlich empfangen. Die kleine Gruppe hat mich bereits so herzlich aufgenommen, dass ich vermisst wurde. Wir schrieben eine Story, die bestimmte Inhalte aufgreifen sollte, die wir nun am Wochenende beenden sollen. Danach besprachen wir die Stücke zweier Studenten. Eines war in Tagebuchform geschrieben. Der Stil war eine Mischung aus Jack Kerouac und Holden Caulfield. Wir hatten eine unglaublich tiefe Diskussion. Leider geht der Kurs immer nur 45 Minuten, doch danach ging ich noch mit einigen der Schreiber einen Kaffee trinken. Mit Leuten über das Schreiben zu reden fehlt mir in Deutschland sehr. Nicht das Schreiben, wie ich es hier auf meinem Blog praktiziere. Ich lese meine Blogtexte nur selten ein zweites Mal durch, was man ihnen wahrscheinlich auch anmerkt. Doch das, was ich mit „Pulp“ schon angedeutet habe und was ich mit weiteren kostenlosen Downloads fortführen werde, bedarf einer Auseinandersetzung, die ich in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen nicht finde.

Um 6 PM gab es heute eine kostenlose Filmvorstellung in der Uni. Der Drachenläufer wurde gezeigt, ein schöner Film, auch zu empfehlen, wenn man das Buch nicht gelesen hat. Doch auch das sollte man tun.

Mehr als die Hälfte meiner Zeit in Amerika ist bereits vergangen; sehr schnell vergangen. Viele Dinge werde ich erst realisieren, wenn ich zurück in Deutschland bin und zurück blicke. Einige Dinge werden mir jedoch auch hier schon bewusst.

„Ich bin nicht mehr derselbe, zumindest in meinem tiefsten Innern nicht.“ So endet Ernesto Guevaras Vorwort zu seinem Tagebuch der ersten Lateinamerika-Reise Anfang der Fünfziger. Ich hatte mir vorgenommen, diesen Satz am 27. September im Flugzeug sitzend auf den Rücken meines Notizbuches zu ritzen. Doch ich muss einsehen, dass man einen Sturkopf wie mich wohl nicht ändern kann, nein nicht ändern muss. Schon garnicht in vier Wochen. Denn egal wo man ist, ist man doch trotzdem immernoch mit sich allein. Und ob ich unter fiepsendem Grillengezirpe im amerikansichen Korngürtel den großen Wagen am Himmel stehen sehe, oder um drei Uhr morgens in einen Bademantel gewickelt auf meinem Balkon, das Sternbild und mein Gefühl bleiben dieselben.
Doch mit einer Frage hatte der „Fuser**“ recht: „Was ist das, was wir beim Überqueren einer Grenze verlieren? Jeder Moment hat zwei Seiten: eine voller Melancholie; und eine voller Begeisterung und Vorfreude auf neue unbekannte Länder.“

* Fancotirador: „Freischärler“
** Che Guevara wurde in Argentinien „El Fuser“, der Zünder genannt

Not far, in fact, from a city, no joke, named Normal

Im Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche (einiges spricht für 2008) wohnte ich im Rahmen meines Studiums den September über in der Kleinstadt „Normal“ im nordamerikanischen Bundesstaat Illinois. Zwischen hektargroßen Kornfeldern und unter mehrstimmigem Grillengezirpe, das gegen Abend in Dezibel kaum noch zu messen war, konnte ich mir dort ein Bild von der unglaublichen Gastfreundlichkeit der Durchschnittsamerikaner machen, die sich hier um den „Korngürtel“ angesiedelt haben und die mit riesigen roten Pick-Ups in die Mall fahren, um eine Tüte Milch zu kaufen. Ich ging auf die Illinois State University und besuchte kultur- und literaturwissenschaftliche Kurse.

Eines Morgens saß ich mit meinen Gasteltern über Tellern voll Rührei und Speck und las in der örtlichen Tageszeitung, dem Pentagraph, wo der tragische Tod DFWs betrauert wurde, der anscheinend in der Nähe aufgewachsen war. Zudem hatte er anscheinend selbst ab 1992 an der Illinois State unterrichtet. Am selben Tag besuchte ich die Mittagssitzung eines creative writing Seminars der ISU, des Kurses, den Wallace zehn Jahre zuvor noch selbst unterrichtet hatte. Ich brachte den Zeitungsausschnitt in die Diskussion ein und musste feststellen, dass so gut wie alle DFW nur als Begriff kannten, als Bonmot, das man kennen sollte, die absolute Trumpf-Karte beim „Boheme-Name-Dropping“ im Uni-Pub. Niemand hatte auch nur ein Buch oder eine Geschichte von ihm gelesen. Selbst der Dozent, der sich hinter souverän verkauftem Halbwissen versteckte, schien völlig ahnungslos. So ging es so gut wie allen in der Stadt, die ich auf DFW ansprach. Viele bestätigten mir, er sei ein großer Künstler gewesen, keiner jedoch, hatte ihn jemals gelesen.

Am Schluss des Vorworts von Dave Eggers zur englischen Ausgabe von Unendlicher Spass aus dem Jahr 2006 ist folgende Passage zu finden:

He is from the Midwest – east-central Illinois, to be specific, which is an intensely normal part of the country (not far, in fact, from a city, no joke, named Normal). So he is normal, and regular, and ordinary, and this is his extraordinary, and irregular, and not-normal achievement, a thing that will outlast him and you and me, but will help future people understand us – how we felt, how we lived, what we gave to each other and why.

Während der Lektüre der englischen Ausgabe stellte ich mir die Bilder vor, die sich mir aus meiner Zeit im mittleren Westen eingeprägt hatten: die liebevoll gestalteten Holzverandas, die breiten Straßen, die anarchistischen Vorfahrtsregeln an Großkreuzungen; militante Demokraten und gemäßigte Republikaner, die sich in hunderten von kleinen Interessengruppen auflösen, die von „Illinois-Männer-gegen-häusliche Gewalt“ bis zum „Querflöten-Grüppchen“ reichen. Dass diese Durchschnittsgegend ein außergewöhnliches Werk wie dieses hervorbringen konnte, kommt für mich dem abgelutschten Bild vom amerikanischen Traum doch wesentlich näher, als jede Erfolgsgeschichte, die mit hohen Posten in leblosen Bunkern endet. Mit der englischen Ausgabe habe ich mich, zugegeben, etwas verhoben, und wahrscheinlich viele Dinge überlesen. Trotzdem ist mir der kleine Wälzer ans Herz gewachsen und ich freue mich über die Resonanz, die er in Deutschland erhält. Die ersten 100 Seiten der Übersetzung wirken so für mich persönlich wie die Restaurierung einer alten Sam Cooke Aufnahme, die ich jetzt endlich in aller Klarheit, die ihr gebührt, genießen kann.

Ich teile meine Leserfahrungen dabei mit den Profis auf Unendlicherspass.de , wo der Wälzer von Ausdauerbibliophilen in 100 Tagen gemeinsam gelesen wird. Meine Erfahrungen will ich jedoch auch hier im Blog noch ausführlicher berichten, und ausführen, wozu mir die Kommentarfunktion auf der Seite nicht ausreicht.