Kategorie: Rum Diary

Odessey and Oracle

Heute Morgen habe ich meine Wohnung in Brand gesetzt. Beinahe wäre das der erste Satz geworden, den ich in Berlin tippe. Gas, ein kaputtes Feuerzeug, die unbedingte Notwendigkeit, Wasser für einen Kaffee aufzusetzen. Der Rest ist Glück und Bestimmung.

Doch jetzt sitze ich hier, den Laptop auf dem nicht verbrannten Küchentisch, und schaue aus dem Fenster auf die Balkone am gegenüberliegenden Häuserblock. Nicht so sehr Balkone als viel mehr kleine Freiluftabstellräume, aber man erkennt sie noch. Es ist beinahe Elf. Meinen Kaffee musste ich mir in einem günstigen Café zwei Straßen weiter machen lassen. Danach habe ich den Morgen mit Bukowskis Tagebüchern verbracht und in der Hoffnung, dass die dunklen Wolken endlich vor meinem Fenster verschwinden.

Gerade denke ich darüber nach, weshalb mich das Lesen von Tagebüchern anderer Leute so runterbringt. Kafka, Bukowski, Simenon, Kertesz, Hunter. Ist es das Leben, das ich nicht lebe oder ist es nur eine Pause vom Druck des eigenen Lebens. Lass die mal machen und ich bin dabei, sitze daneben, wenn Hunter seine Briefe tippt in San Juan oder wenn Kafka in der Nacht aus dem Prager Dunkel schreibt. Vielleicht ist es auch nur Voyeurismus eines kleinen Spießbürgers. Aber das ist mir erstmal egal. Abends ein Bier zu öffnen und mich in der Welt der großen Jungs aufzuhalten ist ein gutes Gefühl.
Wer hätte gedacht, dass das Fotografieren mich irgendwann öfter nach Berlin ziehen würde als das Schreiben. In den nächsten drei Tagen warten 6 Shootings auf mich. Und doch, jetzt hier in dieser Altbauwohnung am Prenzlauer Berg ist das Einzige, an das ich denke, zu schreiben. Die Wohnung habe ich über airbnb gebucht, sie gehört also jemandem. Und dieser jemand hat hier überall kleine Hinweise auf sein Leben hinterlassen. Im Bücherschrank steht eine abgegriffene Ausgabe von „The Rum Diary“ und „Kingdom of Fear“ von Hunter. Auch „Dance, Dance, Dance“ von Murakami. Zwei Gedanken: der eigentliche Mieter hat genau meinen Geschmack oder mein Geschmack ist der eines jeden Möchtegern Schreiber-Hipsters am Prenzelberg. Da hilft nur der Griff zur Flasche.

Mahalo, Bob Sala

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„Das ist das Problem am Trinken“, dachte ich mir, während ich mir einen Drink einschüttete. Wenn etwas Schlechtes passiert, trinkt man um zu vergessen; wenn etwas Gutes passiert, trinkt man um zu feiern; und wenn gar nichts passiert, trinkt man, damit etwas passiert. 

Charles Bukowski

Jim Morrison und Oro Ligero

Mein Bodyguard Ray hatte, wie an den Tagen zuvor, die Dauer einer Zigarette damit verbracht, der Rezeptionistin zwei Tassen Kaffee vom Buffet abzuschwatzen.

Ich wurde wach, als ich ihn auf dem Flur wanken hörte und machte mir Sorgen um das Porzellan. Er balancierte die beiden Tassen ins Zimmer und man konnte nicht mehr erkennen, ob man aus der Tasse oder aus der Untertasse trinken sollte. Beides funktionierte ohne Probleme.
Irgendwas hatte mir am Vortag den Magen verätzt, ich wusste nicht, ob es der Rum oder das zähe Fleisch gewesen sein mochte. Also warf ich mir zwei Magentabletten ein und spülte sie mit dem kalten Kaffee von der Untertasse runter. „Wann wollen wir los?“, fragte Ray. „Gib mir zehn Minuten“, sagte ich und begann mich anzuziehen. Obwohl wir diesen Tag seit fünf Jahren herbeisehnten, hatten wir keinerlei Vorbereitungen getroffen, außer eine teure Flasche Rum zu kaufen. Ich steckte die Flasche in den Rucksack und packte meine Kamera dazu. Dann versuchten wir ein wenig Ordnung für die Putzfrau zu schaffen und versteckten den restlichen Alkohol für den Abend im Wandschrank.

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Die Pinguine sind erwachsen

Man sieht sie mit versehrtem Gesicht zwischen Tränengasdosen. Hinter ihr knien Protestanten in schwarzen Kapuzenpullovern auf dem Asphalt und bilden einen Kreis um das Friedenszeichen, das sie mit den Dosenkappen auf der Straße aufgestellt hat. Ihre zarten Züge tragen Entschlossenheit und Wucht in sich, eine Wucht, die seit Jahren kein vermummter Redelsführer mehr zu entwickeln im Stande war, in einem Land in dem die Reichen und die Armen so weit auseinander liegen, wie nur in wenigen Ländern dieser Welt. (zuerst gepostet im November 2012)

Auf dem nächsten Bild sieht man sie mit weichen Lippen in Melancholie, einen lila Schirm über ihrem schwarzen Haar aufgespannt. Ihr Blick wie aus einer französischen Tragikomödie.Weiterlesen

Offene Fenster

Jede Wohnung hat ihren eigenen Sound. Der setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen: den Geräuschen der Nachbarn, die direkt mit einem im Haus wohnen, den Wasserleitungen, den Glockenschlägen des Doms in der Nähe. Seit etwas mehr als einem Monat wohne ich jetzt in der Altstadt Paderborns und gewöhne mich noch an den ganz ungewohnten Sound in meinem Kiez. Besonders jetzt, bei der absoluten Hitze, die auch in der Nacht noch in der Luft steht wie eine lauwarme Seifenblase, und wir die Fenster zu unserem Schlafzimmer geöffnet lassen, besonders jetzt hören wir und spüren wir den neuen Sound in unserem Viertel.

Da sind außer den regelmäßigen Schlägen der Domglocken noch die rauschenden Gespräche der Menschen, die vor den Kneipen und Cafés sitzen, durchbrochen von einzelnen Lachern, Brüllern und Geschirrgeklimper. Direkt unter unserer Wohnung, im selben Haus, hat die christliche Teestube bis etwa elf Uhr geöffnet. Doch obwohl das Treiben dort eigentlich am ehesten hören müssten, ist es nur Stille, manchmal leise Stimmen und höflicher Applaus, den man hört. Als versteckten sie irgendetwas vor der Welt draußen vor ihrer braunen Eingangstür.

Ein paar Häuser weiter hört ein Junger Mann an manchen Abenden traurige türkische Musik, wobei ich nicht weiß, ob sie wirklich türkisch ist, sie klingt bloß so, wie ich mir türkische Musik vorstelle. Die lang gezogenen Vokale und weichen D´s und J’s, die Töne, die meist von Frauen gesungen werden, beruhigen mich in einer komischen Art und ich fühle mich merkwürdig heimisch und fremd.

Ein paar hundert Meter weiter fließt die Pader durch das Quellgebiet und wenn alle anderen Geräusche verstummt sind, hört man das Wasser und gelegentlich einige Enten, die in der Nacht von Ader zu Ader wandern. Dann wieder Gelächter und Gespräche von Schlaflosen, die spät von einer Veranstaltung kommen oder einfach die Zeit vergessen haben. Wir hören Unterredungen verstummen und plötlich wütend aufbrechen. Junge Paare, am Anfang oder am Ende ihrer Beziehung. Alte Paare, die beides bereits hinter sich gelassen haben.

Und es duftet nach der Kohle, die in den Restaurants ausglüht, nach den Autos, die am nächsten Tag wieder angeworfen werden und nach einem unsicheren Versprechen. Welche Geschichten wird dieses neue Leben bringen. Und welche nicht?