Ein Walzer im Maschinenraum

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Manchmal wirft am anderen Ende unseres schönen Landes jemand eine Angel aus und zieht sich einen dicken Fisch aus dem entfernten Westfalen an Land. Das klappt allerdings nur, wenn der große Fisch sich auch fangen lassen will.

Vor ca. 10 Tagen stieß ich im Netz auf einen Hilferuf von Sirko aus Jena. Dem war eine Woche vor der Trauung seiner besten Freunde Lena und Ben der Fotograf abgesprungen, den er für ein besonderes Brautpaarshooting engagiert hatte. Die Rede war von einem alternativen Paar, einer alten Fabrik im östlicheren Teil unseres schönen Landes und einem ganz außergewöhnlichen Shooting. Die beiden hätten allerdings keinerlei Geld für den Fotografen, was ein wichtiger Faktor bei diesem Hilferuf war.

Natürlich war die erste Reaktion im Netz auf diese Anfrage nicht gerade positiv, aber für mich klang das irgendwie interessant. „Verdammt, ich hätte definitiv Bock auf die Nummer! Warum seid ihr nur so weit weg?“, schrieb ich Sirko in einer privaten Nachricht. In der prompten Antwort („Schön von dir zu hören.“…“vor allem ohne Shitstorm“…“Die Distanz ist echt weit“…“echt schade“…) schwang großes Bedauern mit. Aber das Thema ließ mich nicht los. Die Hochzeit klang einfach zu interessant, die wilde Anfrage zu sympathisch, also machte ich Sirko am nächsten Tag einen Vorschlag: „Wenn ihr wirklich keinen mehr findet, schreibt mir einfach. Mein Auto braucht ca. 100 Euro Sprit zu euch runter und ne Luftmatratze hab ich auch!“ Die erste Antwort auf mein Angebot fiel noch zögernd aus: „super Angebot von dir“…“echt ein feiner Zug von dir.“…“ich glaube aber das wird nichts“…“ein riesen Aufwand für dich“…“und ich hätte dir gegenüber auch nen schlechtes gewissen“… Auch das Geld für den Sprit zusammen zu kriegen stellte sich als schwierig heraus. Doch nach einigem Hin und Her kam der Durchbruch: „ich habe mit den Zweien geredet. Die sind begeistert (musste dafür meine Überraschung offen legen)…die beratschlagen noch mal und kalkulieren rum…denn nen Fotograf für den Großteil / das ganze Wochenende wäre schon mega großartig, dann müsste niemand spezielles der Gäste dazu verordnet werden…“ woodstock-3

Lange Rede, blabla, am vergangenen Woche habe ich mein Zelt und meinen Schlafsack in den Kofferraum geworfen, die Kameras aufgeladen und bin über die A2 an Berlin und Neuruppin vorbei Richtung Osten gebrettert, um mit 150 Backpackern in einer Zeltstadt in W(ood)ittstock das ultimative Hochzeitswochenende zu begehen. Die Rahmenparameter, die mir Sirko vor meiner Abreise gab, ließen sich schon mal interessant an:

  • ca. 130 Gäste(+/-30)pennen in einer „Zeltstadt“ bzw. im Heuboden
  • zu der Shooting-Location am Freitag: verlassenes Farbikgebäude in Wittstock
  • zum Hochzeitsambiente: ich weiß bisher noch gar nichts über das Gelände, bis auf die Zeltstadt und dass es in einem Dorf 10min von Wittstock entfernt ist. Ich weiß nur, dass mehrere Leute ihre Wohnzimmer leer geräumt und dort hin verfrachtet haben, zudem sollen mehrere SG20-Zelte und SG50-Zelte aufgebaut werden.
  • es wird kein steifes Programm geben (also nach der Trauung), aber viele Musiker und Künstler werden vor Ort sein…zudem gibt es ein eigenes Kinder-Entertainment Programm
  • Die Trauung selbst wird nicht „kirchlich“ sein, sondern unkonventionell christlich…Kicker-Tische…Lichterketten…Stehlampen…und so weiter und sofort, wird halt insgesamt keine Standard Hochzeit…
  • so viel dazu…es wäre echt ein Traum, wenn du das bunte Geschehen mit deinem Blickwinkel und der Kamera vor dem Auge einfangen könntest

Die knapp fünf Stunden Fahrt vertrieb ich mir mit dem neuen Album von Gregory Alan Isakov (gerne jetzt zur musikalischen Untermalung diesen Link klicken) und um kurz nach vier wurde ich herzlich von Lena, Ben, Sirko und seiner Freundin in Wittstock empfangen, in einer Straße, die aus einem Filmset hätte stammen können. Wir verloren keine Zeit und machten uns auf den kurzen Weg zu der stillgelegten Fabrik, um das Hochzeitsshooting hinter uns zu bringen. Die beiden wurden nämlich schnell wieder auf dem Gelände der Zeltstadt erwartet. „Wir müssen da allerdings einbrechen“, sagte Lena im Gehen zu mir, „ich hoffe, Sirko hat dir das gesagt.“ Und auch wenn er es nicht gesagt hatte, war ich von Anfang an von dieser Tatsache ausgegangen. An dem Gelände angekommen, sah man allerdings schnell, dass sich der kleine Hausfriedensbruch lohnen würde.

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Wir brachen über ein kleines (bereits offenes) Fenster in das Gebäude ein und was wir dort fanden, war ein Traum für jeden Fotografen. Riesige Hallen mit großen, alten Fenstern. Wir machten uns an die Arbeit, damit Lena und Ben schnell wieder für ihre Hochzeitsgesellschaft da sein könnten. Die beiden tanzten Walzer im alten Maschinenraum, lachten im Toilettengang und küssten sich in alten Lagerhallen. Wunderbar.

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Das Wochenende war meinerseits dann leider von ziemlich starken Grippesymptomen begleitet, ich lag viel in meinem Zelt und kämpfte mit dem Fieber. Die vielen Gäste von Lena und Ben waren allerdings sehr nett zu mir, so dass ich es leicht verdrängen konnte. Wir feierten, tranken, aßen und lachten die Nächte und die Tage durch. Viele Menschen durfte ich kennenlernen, aus ganz Deutschland waren sie und allesamt so gastfreundlich und nett, dass ich am Sonntag am liebsten noch einen weiteren Tag geblieben wäre. Allerdings fing es in der Nacht zum Samstag an zu regnen und der Abbau fiel förmlich ins Wasser. Ich stopfte mein durchnässtes Zelt in meinen Wagen, verabschiedete mich und begann meine sechsstündige Rückfahrt, während der ich das Wochenende noch einmal Revue passieren ließ. Wunderbare Menschen, wunderbare Erinnerungen. Danke, Lena und Ben!

Kommentare 2

  1. schlag sabine 18. Juli 2014

    Es ist einfach wunderbar und unglaublich

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