Mit Kamera, nachts
Gestern bin ich seit langem mal wieder mit einer Kamera durch die Nacht gelaufen und war eigentlich schon auf dem Heimweg, als mich ein alter Mann anspricht. Er schob sein Fahrrad durch eine verlassene Wohnsiedlung, seine Augen konnte ich nicht erkennen, weil sich das Licht einer Laterne in seinen Brillengläsern spiegelte. Ein Foto sollte ich von ihm machen, ein schönes bitte. Er positionierte sich vor mir und richtete sich an seinem Fahrradlenker auf. Der Mann hatte einen russischen Akzent und lächelte wie ein kleines Kind. Nach meiner Aufnahme holte er ein kleines Notibuch aus der Tasche, er habe etwas für mich, etwas ganz besonderes, das achte Weltwunder.
Es war ein Zettel. ein in der Mitte gefaltetes Blatt, an das ein Foto von ihm selbst in jüngeren Jahren klebte. Auf der Innenseite waren ein paar Samen mit Tesafilm an das Papier geklebt. Senfkörner, sagte der Mann, der Grund warum er bereits seit über 100 Jahren auf dieser Welt sei. Ich solle es versuchen, meinte er, und wenn das Foto was wird, soll ich im einen Abzug machen und es an seine Adresse schicken. Nachts in der Kleinstadt.

