Ronco der Geächtete

Wenn meine Erinnerung über den Mond springt, tut sie das meist wegen eines Geruchs. An Gerüche soll man sich nicht erinnern können, doch das stimmt nicht. Wenn ich an meinen Großvater denke, denke ich an den Geruch seines Rasierpinsels, an den Geruch des trocknenden Rasens an einem der Sommerabende, an denen ich nur länger als bis acht Uhr wach bleiben durfte, weil ich bei ihm in der Gartenlaube saß und Gameboy spielte, während er eines seiner Westernheftchen las. In unserer Familie waren Bücher eher Dekoration als Passion. Nur mein Großvater fing irgendwann damit an, jeden Tag ein bis zwei dieser zwiebelpapiernen Machoheftchen zu lesen. Seite um Seite blätterte er um und strich die Heftmitte mit dem Handrücken glatt auf die Plastiktischdecke, die mit bunten Bleifrüchten beschwert über dem Gartentisch hing.

Ich selbst hatte immer wenig Interesse daran, Zeit mit anstrengenden Büchern zu verschwenden, die ich auch auf dem Bolzplatz verbringen konnte. Einige Jahre später starb mein Opa in Anwesenheit der ganzen Familie im städtischen Krankenhaus. Da ich der jüngste Enkel war und wir meine Großmutter in dieser Nacht nicht allein lassen wollten, entschied die Familie, dass ich bei ihr bleiben sollte. Als wir dann im Wohnzimmer meiner Großeltern standen, ging es darum, ob ich einfach auf dem Sofa schlafen sollte oder mit im Schlafzimmer. So schlief ich mit im Ehebett bei meiner Großmutter, die natürlich wegen der ganzen Aufregung in wenigen Sekunden einschlief. 

Ich blieb zurück auf der Bettseite meines Opas, mein Rücken lag in der Wölbung, die er jahrelang dort hineingelegen hatte. Ich schlich mich aus dem Schlafzimmer und setzte mich an den Wohnzimmertisch, an den gleichen Platz, an dem er sich morgens immer rasiert hatte, vor einem kleinen Spiegel und einer Emailleschüssel mit warmem Wasser. Auf dem Tisch lag eines seiner Westernheftchen, Ronco der Geächtete. Ich begann darin zu Blättern und las die erste Seite. Dann die nächste und ich las, bis die Sonne wieder aufging. Das Lesen ließ mich vollständig aus der Realität verschwinden. Eskapismus in Worten. Und der Beginn meiner Sucht.

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